„Ich sagte vorhin,“ fuhr der Gondler fort: „daß wir von den Nordern umzingelt wurden; wir schossen tapfer auf einander, allein die Uebermacht war zu groß. Zum Unglück hatten wir uns nicht einmal mit Lärmgeschütz versehn, um ein Nothzeichen zu geben. Unten hörte man und wußte man von nichts.“

„Erlaubet,“ fiel Holder ein: „unten hörte man nichts? War man denn so weit von der Erde entfernt, daß der Flintendonner unten nicht mehr hörbar war?“

Der Gondler lächelte: „Sie müssen wissen, mein Herr, daß zu geheimen Expeditionen, Ueberfällen, Recognoscirungen u. s. f. im Kriege die Patronen mit stillem Pulver gefüllt werden. Der Schuß ist ohne Lärmen, und am Tage kaum sichtbar. Vor Zeiten, da die Kriegskunst noch in der Wiege lag, wußte man von den schrecklichen Wirkungen und Vortheilen des stillen Pulvers nichts. — Doch zur Sache. Meine Barke verlor die Luft. Der General warf sich in den Nothschirm, und stürzte auf gut Glück hinunter — einige Offiziere folgten. Wir übrigen ergaben uns.“

„Ich ward als Kriegsgefangner einem nordischen Heerführer, dem Grafen von Gabonne, zu Theil. Dieser behandelte mich sehr menschlich — allein ich schmachtete doch nach Freiheit und Vaterland. Und die Gelegenheit erschien endlich vor kurzem. Der Friede ist izt so gut, als unterzeichnet — Preussens Adler ist diesmal Deutschlands Genius geworden. Der Waffenstillstand war schon längst geschlossen zwischen beiden Herren. Mein Herr, der Graf von Gabonne, konnte es also vom Oberfeldherrn um so leichter erhalten, die Armee auf einige Zeit zu verlassen. Er benuzte diese, um seine Beute in Sicherheit zu bringen.“

„Diese Beute war ein schönes, liebenswürdiges Mädchen, von welchem ich nicht mehr, als den Namen, Imada, weiß. Daß diese Imada von bedeutender Herkunft war, konnte man gar nicht bezweifeln. Sie soll dem Gabonne durch einen seltsamen Zufall in die Hände gerathen seyn; man erzählte sich im Lager davon allerlei Anekdoten. Kurz, er beschloß, sein Liebchen in Verwahrung zu bringen; es wurden einige Luftgondeln ausgerüstet und unsre Fahrt ging anfangs nach der Lombardei; von da wieder, warum? ward mir nicht gesagt, zurück nach Mont-Rousseau, an den Gränzen der fränkischen Republik. Als wir uns eines Tages in jenem Walde niederliessen, entschlüpft’ ich meinen Feinden und entkam glücklich. Aber gewiß hätt’ ich meinen Tod in jenen Wildnissen gefunden, wenn dieser Herr nicht das Werk der Barmherzigkeit gethan, und mich hieher geführt hätte.“

Florentin, der diese Erzählung anhörte, sas unbeweglich da, wie ein Marmorbild. — „Nicht Louise also wars, sondern eine unbekannte Imada!“ rief er, und sank Holdern in die Arme.

Unaufhörlich schwebte ihm nun Imada’s und Louisens Bildniß vor der Seele. Imada und Louise waren eins; die Erscheinung trug nur einen doppelten Namen.

Diese Imada wich nicht an Reizen der Louise des achtzehnten Jahrhunderts. Ihr Hervorschweben aus dem Gebüsch war das Hervorschweben einer Göttin, den ätherischen Hallen der Oberwelt entschlüpft. Zwar ihren Lippen war kein Laut entflossen, aber welche Sprache ging nicht aus ihren Mienen, ihren Blicken? Mit welcher Theilnehmung fand er die Seltne nicht über sich hingebogen, und was verrieth ihm ihr lezter Blick, ihr Händedruck?

„Sie ists wohl werth, solch eine Körperform, wie die Louisens war,“ dachte der gute Graf bei sich selber: „daß die Natur sie der Welt mehr als einmal vorzeigt. Und mein Herz ist geschaffen, solche Form zu lieben.“

Freilich war der Gang der Geschichte, und noch mehr der Gang seiner Empfindungen etwas abentheuerlich — allein er lebte nun einmal in einer Welt von Unbegreiflichkeiten, und es fiel ihm daher um so weniger bei, sein Empfinden, Denken und Wollen systematisch zu ordnen.