Es ward beschlossen, die Louise dieses Zeitalters aufzusuchen, in welchem Winkel der Welt sie auch versteckt leben möchte. Es war ihm überdem noch immer so unwahrscheinlich die Begebenheit in der Alpenhöhle — und räumte er Holdern viele Kunst ein: so glaubte er höchstens an den widernatürlichen Schlaf einger Jahre, aber nicht einger Jahrhunderte.
Auch im Verlauf einger Jahre konnten die Gewänder abmodern, und die Schicksale der Welt ungehoffte Veränderungen erleiden — aber Louise konnte auch noch leben! — konnte noch! und neugeboren fühlte sich Duur bei diesem Gedanken. Er athmete dann freier und tiefer, als wär er von einem dumpfen Traum erwacht, worin eine despotische Einbildungskraft ihn an wüste, menschenlose Inseln warf, und er kämpfen mußte mit wüthenden Brandungen und schrofen Klippen, getrennt durch einen unermeßlichen Ocean auf ewig von seinen Geliebten. — Es ward ihm dann wieder so wohl, so heimisch. Das Zeitalter hatte nichts Fremdes, Entlegnes mehr; er schmeichelte sich noch, bald hie und da, auf seinen Wanderungen durchs Vaterland, einen Freund, ein altes, bekanntes Gesicht wieder zu finden. — Ungern ließ er sich aus diesen Träumereien aufstören.
Daß sich Duur von nun an mit dem Luftgondler in öftere Plaudereien vertiefte; daß Imada-Louise, Gabonne und Mont-Rousseau allein ihrer Gespräche ewiger Text war; daß er jede Kleinigkeit, welche die Unbekannte betraf, genau und mit kritischer Aengstlichkeit erforschte; daß ihm Idalla’s schöne, einsiedlerische Insel immer trauriger, wüstenhaftiger, unerträglicher wurde — alles dies läßt sich errathen. Ich darf davon nichts erzählen.
Kaum nur, und mit ungeheurer Ueberwindung, gab er Holders und Idalla’s zärtlichen Bitten nach, seine Reise bis zum künftigen Frühling zu verschieben und den Winter über in ihrer Gesellschaft zu bleiben.
Herr Matthias, der Luftgondler, fing an, sich in diesem schönen Cirkel zu gefallen. Man behielt ihn auch gern bei, weil er ein guter, ehrlicher Schlag von Menschen war, der weiter keinen Fehler hatte, als daß er gar zu gern philosophirte und docirte, wozu ihn wahrscheinlich die Unwissenheit der Insulaner verführte. Er versprach auch, den Grafen auf seinen Reisen als ein getreuer Sancho zu begleiten, und, wo möglich, den Badner des achtzehnten Jahrhunderts vergessen zu machen.
Zehntes Kapitel.
Der Winter.
Es brach der Winter ein; die Silberflocken des Schnees gaukelten lustig um die kleinen Scheiben der Hüttenfenster, und die blätterlosen Gesträuche und Bäume strahlten im funkelnden Reif. Der See erstarrte im kalten Hauch des Dezembers; das Wild brüllte durch den Forst und vor der Hütte schwärmten vertraulich kleine Schaaren von Sperlingen und Meisen, Idalla’s Wohlthätigkeit in Versuchung zu führen.
Duur wurde in seinem Innern ruhiger; er durchstreifte, mit seinem Pudel, fleissig die Waldung und versorgte Idalla’s Heerd mit Wild. — Imada-Louise stand freilich noch immer in einsamen Stunden vor seinem Geiste, umgeben mit aller Pracht, zu deren Erfindung eine schwärmerische Phantasie fähig ist. Allein er betrachtete dies schöne Bild mit immer kältern Blute, und überließ es dem gütigen Zufall, ob je noch seine Lieblingswünsche erfüllt werden sollten.
Auch hatt’ er sich allmählig für die Zukunft schon sein Plänchen entworfen, einfach und nützlich. Er wollte mit dem Frühlinge auswandern in die Welt, um die Verwandlungen der Welt zu studieren, seiner Neugier zu gnügen und zu erfahren, ob der Favorittraum seines guten Oheims von der glücklichen Nachwelt realisirt wäre. — Nebenbei wollt’ er dann umhersuchen unter den Töchtern des Landes — Imada-Louise! um eine Theilnehmerin seiner Leiden und Freuden mit sich in Idalla’s Insel zu führen, seinem Abgott, seinem Karlchen, eine Mutter zu geben, und der lieben Idalla eine schwesterliche Gesellschaft.
Denn fest hatte ers beschlossen, sich nimmer wieder verwickeln zu lassen in die quälenden Verhältnisse der großen Welt, sondern die Seligkeiten des häuslichen Lebens und der Einsamkeit jenem leeren Geräusch vorzuziehn, welches nur den Unwissenden entzücken, und die Thoren beschäftigen kann.