Ein einfarbiges, leichtes Uebergewand floß hinab bis zu den Füßen, unterm Busen zusammengeschlossen von einem gestickten Gürtel. — Keine Schnürbrust, keine Poschen gaben dem Körper ein steifes, gedrechseltes, eckigtes Aeußere — sondern die ganze schöne, weiche Bildung den Weibes stand unverrathen da. Ein Schleier verhüllte mit tausend Falten des Busens Heiligthum, von keinen fischbeinernen Stützen und Drathbügeln aufgebläht. Das Haupt trug keinen sinnlosen Tok, kein gothisches Gebäude von Haarwulsten und Locken oder Flor und Spitzen, Drathskelets und Straussenfedern; sondern das Haar lief ungepudert in natürlichen Locken um Nacken und Hals. Die jüngern Damen schmückten ihr Haupt mit einer schimmernden Tiara, die ältern verhüllten es mit einem weissen Schleier.
Er war die Tracht der griechischen Grazien.
Duur sas noch immer am Euphon, und sein Ohr konnte sich nicht sättigen im Genuß dieser süßen Tone. Er spielte einige Symphonien von Reichard und Rolle und Graun, und erndtete dafür den verbindlichsten Dank ein. Was ihn am meisten freute, war, daß die Namen jener Tonkünstler den Genossinnen des drei und zwanzigsten Jahrhunderts nicht unbekannt waren. Die reizende Tochter des Commendanten nannte ihm sogar die Namen eines Händel und Bach mit einer gewissen Begeisterung, wie man sie nur für Lieblinge fühlt. Noch mehr, sie spielte ihm selbst Theile von den Arbeiten dieser Meister mit vieler Geschicklichkeit vor.
„Ist Ihnen auch Dittersdorf, Martin, Salieri bekannt?“ fragte Duur nach einem Weilchen.
Die Spielerin schüttelte den Kopf. Die Namen waren ihr fremd.
„Aber was halten Sie von unsern neuem Komponisten, denn alle, die wir bisher kritisirten, gehören zu den uralten Vätern in der Musik. Es ist wahr, man muß erstaunen, wie weit es jene Patriarchen der Tonkunst schon im achtzehnten Jahrhundert brachten — allein, man kann doch auch nicht läugnen, daß ihre Manieren gewaltig altfränkisch und ängstlich sind, wiewohl unsre jungen Künstler ihre Werke noch immer studieren müssen.“
„Das wollen wir auf ein andermal verschieben!“ rief lächelnd der Commendant, welcher sich an der Verwunderung seines Gastes weidete: „Jezt zu Tische, ehe die Suppe erkaltet. Ueberhaupt, Rosalia, muß ich Dich im voraus daran erinnern, daß Du unserm Gaste keine Fragen über die Produkte unsers Zeitalters vorlegst, denn er ist nur im achtzehnten Jahrhundert, und wahrhaftig sonst nirgends zu Hause.“
Duur ward feuerroth. Rosalia lächelte ihn an, und ihr Lächeln machte alles wieder gut. Sie sezte sich am Tische neben ihn, und noch hatte Florentin in diesem Jahrhundert keinen fröhlichern Abend für seinen Geist gehabt, als diesen.
Es war schon Dämmerung. Der Commendant sah sich allenthalben um, klingelte endlich und — eine krystallene Sonne sank aus der Mitte der Zimmerdecke, um den ganzen Saal mit Tageshelle zu überströmen.
Unser Pilger fühlte sich bei allen diesen zauberhaften Erscheinungen recht wohl. Er hätte bei jeder Kleinigkeit fragen mögen, wie ein Kind: „wie ist das? wie heißt dies? wodurch entspringt jenes?“ — Aber eine Empfindung der Schaam und Furcht, dieser Gesellschaft, und besonders der gefälligen Rosalia lächerlich zu werden, fesselte seine Zunge und ließ ihm die beste Belehrung vom gewognen Zufall erwarten.