Duur gab sich alle Mühe, seine Nothlüge noch mehr auszuschmücken und wahrscheinlicher zu machen. Der alte Commendant zweifelte so lange, bis ihn der Inquisit offenbare Beweise von der speciellsten Kenntniß des achtzehnten Jahrhunderts lieferte.
„Nun muß ichs endlich glauben, was Sie mir da sagten; aber ich gestehe auch, daß dies der wunderlichste Fall sey, der mir in meinem Leben vorgekommen ist. Seyn Sie ruhig, Sie sind frei. Aller hüten Sie sich in Zukunft, von Ihrer Grafenwürde zu reden.“
Der Ex-Graf gratulirte sich im Stillen, diesmal so entschlüpft zu seyn. Er unterhielt sich mit dem humanen Commendanten noch einige Zeit, und dieser, der den gewizten Bürger des achtzehnten Jahrhunderts Geschmack abzugewinnen schien, nöthigte ihn, zum Abendessen zu bleiben. Duur schlugs nicht ab.
Viertes Kapitel.
Für keinen Freund des achtzehnten Jahrhunderts.
Der Commendant führte seinen Gast in ein größeres Zimmer, worin sich mehrere Damen, größtentheils Verwandtinnen des alten Herrn, befanden. Florentin Duur wurde ihnen vorgestellt, und von allen mit zuvorkommender Liebe aufgenommen. Es dauerte nicht lange: so hatte er sich in diesem Cirkel orientirt. Jeder und jede gewann den Abentheurer lieb; an Unterhaltung konnt’ es nicht mangeln.
An der Seite stand ein prächtiges Euphon, dessen Aussenseite in allem einem Claviere glich. Duur vermuthete auch nichts anders darin und darunter. Er mußte sich setzen und spielen, weil er das Können schon gestanden hatte.
Aber welche Töne entzückten hier sein Ohr — er war ausser sich. Nie hatte er die Möglichkeit eines solchen sanftdurchdringenden Klanges gekannt; er phantasirte leicht und wirbelte durch Moll und Dur, und sein Geist lebte in einer andern Region.
„O welch ein Jahrhundert!“ seufzte er leise bei sich, und ahndete eine Reihe von Seligkeiten, welche ihm bevorstanden bei der nähern Erkenntniß des großen Fortschrittes der Menschheit.
Die Damen umringten ihn lächelnd und beobachteten nur den schwärmerischen Blick des liebenswürdigen Gastes.
Zuweilen berührte sein Auge sie, und der Anblick dieses schönen Halbzirkels erhöhte die Grade seiner angenehmen, unerklärlichen Empfindungen. Hier sah er keine Buffanten, Trompeusen, Cü de Paris, und künstliche Pendüles — sondern Einfalt und Natur, wiewohl die anwesenden Schönen gallamässig kostbar gekleidet waren.