Commendant. Er schrieb eine Ballade: des Pfarrers Tochter von Taubenhain. Ein sogenannter Edelmann verführt und verläßt um seines Standes willen ein Mädchen, welches in der Verzweiflung das Kind ermordet und selbst nachher aufs Rad geflochten wird. — Wahrhaftig, heutiges Tages, wenn wir noch Räder hätten, würde der Kerl und nicht das Mädchen aufs Rad geflochten seyn. — Gabs wirklich im achtzehnten Jahrhundert solche unmenschliche Szenen und Verhältnisse?
Duur. (stockend) Sehr viel.
Commendant. Gabs wirklich edle Leute, die einem armen Mädchen alles — alles nahmen, um Ruhe, Ehr’ und Liebe der Menschen brachten, und dann satanisch genug waren, sich hinter ihren Stammbaum zu verstecken?
Duur. O viel! viel!
Commendant. Viel? — nun mein Gott, so dank ich Dir, daß ich nicht geboren ward unter den Barbaren, die edel genannt wurden, und schändlich sich wälzten in Lastern, deren Geburt Adel, deren Leben Unadel war. Hätt’ ich damals gelebt — beim Himmel, ich hätte Mordthaten begehn müssen! —
Duur. Und izt?
Commendant. O, ich möchte den Bösewicht sehn, der ein Mädchen entehren, und dann es nicht wieder zu Ehren bringen wollte, weil er — edler wäre, als die Unglückliche! — Doch lassen Sie sich erzählen, wie’s späterhin ward.
Duur. Ich bin sehr begierig.
Commendant. Der Bürger stieg immer mehr durch seine Verdienste, der Erbadel sank. Er sank, weil die gesunde Vernunft siegreicher wurde. In Frankreich war er schon im achtzehnten Jahrhundert vernichtet — weit später in Deutschland. Hier schien er sogar wieder zu steigen im neunzehnten Jahrhundert, denn die Könige und Fürsten adelten in solcher Menge, und so ohne Unterschied, daß es zulezt eine Ehre war — unadlich zu seyn. Ich erinnre mich, in einem alten Historienbuche gelesen zu haben, daß die Könige sogar ihren Köchen und Leibschustern, wegen einer guten Suppe, oder eines schönen Stiefelschnitts, die erblichen, unnatürlichen Vorrechte verliehen haben.
Duur. Ich erstaune.