Josselin war ein junger Mann von fünf und zwanzig Jahren, der, wenn er sich gleich keiner apollonischen Schönheit rühmen konnte, doch durch gewisse, intressante Züge seines Gesichts, den vielsagenden Blick seines Auges, das Angenehme seines Betragens und das Geistvolle seiner Unterhaltung allen Kennerinnen das Geständniß ablockte, er sey ein liebenswürdiger Mann. Der auffallendste Beweis seiner Gewalt über daß weibliche Herz war für Florentinen dieser, daß Rosalia von ihm bezaubert wurde, ehe sie es selbst wußte, so daß ihr ganzes Wesen an jedem Tage deutlicher von gewissen Empfindungen predigte, die ganz verschieden von denen waren, welche sie bisher für Florentinen hatte.

Josselin wurde geliebt von allen Weibern, geliebt von allen Männern, und nur er schien es nicht zu wissen, sondern stand ernst und melancholisch da, wie ein Verbannter aus dem Lande des Glücks.

Florentin konnte bei diesem Anblick sich nicht einer unwillkührlichen Erinnrung an Holder, den Jüngling im achtzehnten Jahrhunderte erwehren. Er drängte sich näher an den Schwermüthigen; Josselin selbst kam ihm immer entgegen — beide sympathisirten, ehe sie sich kannten.

„Aber wer ist Josselin?“ fragte Duur den edeln Gobby in einer vertraulichen Stunde.

„Er war Lehrer der Weltweisheit an einer Akademie, hatte einen ausserordentlichen Anhang und Beifall, näherte sich aber endlich dem Salomonismus und legte eben deswegen sein Amt nieder.“

„Und er scheint sehr unglücklich.“

„Haben Sie je einen Salomonisten gesehn, der sich ganz glücklich fühlte?“

„Sie sprechen immer von Salomonisten und Salomonismus — — — verzeihn Sie, wenn ich meine Unwissenheit gestehe — was soll ich mir darunter denken?“

„Sind Sie in der Geschichte der Philosophie so unbewandert?“

„Ich reiche, wie Sie schon wissen, nicht weiter mit meinen Kenntnissen herunter, als zum achtzehnten Jahrhundert. Damals ward die kritische Schule von Kant gestiftet, und die größten Denker jener Zeit gingen aus ihr hervor. Hat die Welt seitdem einen neuen Kant gehabt?“