„Ich bekenn’ es Ihnen frei, daß ich selbst nur Dilettant in der Philosophie und ihrer Geschichte bin. Ich wag es also auch nicht über Kants Geist zu urtheilen, und ob die Welt schon wieder einen Mann seines Gleichen gehabt. Aber dies weiß ich Ihnen zu sagen, daß Kant einer der merkwürdigsten Reformatoren in der Geisterwelt gewesen, der zwar selbst zu der großen Reformation nichts mehr, als das erste Signal gab, aber durch seine Schüler auf das kultivirte Europa und Amerika einen seltnen Einfluß gewann. Selbst die Wissenschaften, welche außer dem Gebiet der eigentlichen Philosophie gelegen sind, empfingen neues Licht und eine gewisse Vollendung, die ihnen vorher mangelte; die edeln Künste wurden erhabnern Zielen entgegengeführt.“
„Deutschland hatte schon glänzende Fortschritte auf der Bahn gemacht, welche Kants Genie vorzeichnete, als man außer seinem Namen im Auslande noch wenig von ihm wußte, und von seiner ehrenvollen Revolution. Erst im neunzehnten Jahrhundert breiteten sich die Grundsätze der kritischen Schule in England und bald darauf in der Republik Frankreich aus. Früher zwar als in beiden Staaten war der Kantianismus unter den Dänen aufgenommen, aber wenig gepflegt worden.“
„Erhielt sich die kritische Schule lange in ihrer Oberherrschaft?“ fragte Duur.
„Ein Paar Jahrhunderte;“ antwortete Gobby: „sie verdrängte allmählig alle übrige Schulen und Systeme, so heftig man sie auch, bald mit den Waffen des Dogmatismus, bald mit denen des Skepticismus bekriegte. In England ward der spekulative, in Frankreich besondere der praktische Theil der Philosophie nach Kantischen Grundsätzen bearbeitet. — Deutschland blieb inzwischen immer die Mutterschule der kritischen Philosophie, bis diese endlich allmählig von ihrem gefährlichsten Feinde, dem Salomonismus, größtentheils zerstört ward.“
„Sie machen mich neugierig! Im achtzehnten Jahrhundert glaubte man durch die Kantische Philosophie das Nonplusultra aller menschlichen Weisheit erreicht zu haben. Wär es möglich, daß auch Kant seinen Ueberwinder gefunden?“
„Sehn Sie nur, dies nahm einen sehr natürlichen Gang. Die Verbreitung der kritischen Philosophie regte bald allenthalben einen allgemeinen Skepticismus auf, der zulezt so weit um sich griff, daß die Sekte der Skeptiker im zwei und zwanzigsten Jahrhundert mächtiger, als jemals auf Erden war. Aus den Skeptikern entwickelte sich zu Ende des vorigen Seculums eine neue Parthei, welche allen übrigen den Krieg ankündigte, und wirklich nicht ohne Glück kämpfte; spottweise nannte man diese Schule die Salomonische, welchen Namen die Sekte zulezt, als ihr Eigenthum, beibehielt. Herr Josselin könnte Sie mit den Grundsätzen der Salomonisten vertrauter machen, inzwischen, da wir einmal im Gespräch sind, geb’ ich Ihnen soviel, als ich selbst habe. Es kann Ihnen dies um so willkommner seyn, weil Sie dadurch Gelegenheit erhalten, selbst Josselins Charakter näher zu kennen.“
„Dies wäre mir sehr lieb, denn ich läugne es nicht, daß mir der liebenswürdige Mann seit meiner ersten Unterhaltung mit ihm das Herz abgenommen habe. Es ist mein Vorsatz, mich dichter an ihn zu schließen, wenn er mich anders nicht zurückstoßen wird.“
„Seyn Sie ruhig. Er liebt Sie — er hats mir gestanden. Doch, lassen Sie uns mit einander in die Laube drüben am Kanal treten. Die Sonne ist heut brennend; wir wollen im Schatten weiter philosophiren.“
Sie wanderten Arm in Arm mit einander durch den Garten, der Laube entgegen. Die Hitze war drückend; kein Lüftchen kühlte den Wandrer und das Laub hing welk und schmachtend von Zweigen und Blumen und Stauden.
„Ich wollte Ihnen einen ohngefähren Begriff von dem Lehrgebäude der Salomonisten geben,“ — hub der sanfte Gobby an: „nehmen Sie also mit meinen kleinen Notizen vorlieb, wie sie mir beifallen. Das System dieser neuen, herrschendwerdenden philosophischen Parthei ist ein sonderbares Gewebe von Dogmatismus und Skepticismus, daß man glauben sollte, es könne unmöglich von Festigkeit seyn; und doch ist dies nicht nur der Fall, sondern, wie mirs scheint, auch die Ursach an dem wunderbar schnellen Wachsthum der Sekte, indem Dogmatiker und Skeptiker zu ihr übertreten, weil sie zwischen beiden Faktionen mitten inne liegt.“