„Die Salomonisten behaupten, wiewohl es nützlich seyn könne, im gemeinen Leben Wahrscheinlichkeiten, Hypothesen, Meinungen, Glauben und dergl. mehr zu hegen: so müßten diese doch gänzlich aus dem Gebiet der Philosophie verwiesen werden, und man dürfe und könne, als vernünftiges Wesen, durchaus nichts anders glauben, als was für uns den Stämpel der apodiktischen Gewißheit trüge — oder Wahrheit.“ —
„Das Gebiet der Wahrheit, sagen sie, ist sehr klein und in sich selbst unsicher, weil das, was der Mensch für Wahrheit halten muß, nur eine nothwendige Folge seiner ihm eigenthümlichen feinern Nervenorganisation, oder Produkt seiner Gemüthseinrichtung ist. Dazu kömmt noch, daß die Kenntniß dieser wenigen Wahrheiten nicht einmal etwas zu seiner Glückseligkeit beiträgt.“
„Der Mensch kennt die Aussenwelt an sich nicht, er weiß nichts von dem da draussen, und die Erscheinungen, welche ihm durch den Kanal der Sinne zugeführt werden, beweisen von der Beschaffenheit der Aussenwelt nichts, weil sie nur Zeugungen der Sinne, berührt durch äussere Gegenstände, seyn können. Eine andre Construktion der Sinnorgane würde eine andre Welt vors Gemüth führen.“
„Der Mensch kennt sich nicht. Die Lehren vom Materialismus und Immaterialismus, Substanz, Kraft, Einfachheit u. s. f. sind lächerliche Hirngespinnste. Wir kennen die sogenannte Materie nicht und das Immaterielle gar nicht.“
„Die Vernunft lebt mit sich selber in einem unaufhörlichen Widerstreit, besonders wo sie sich auf das Praktische bezieht. So lange z. B. die Lehren von der Freiheit, von Gott, der Seelenunsterblichkeit und der moralischen Welteinrichtung zu einem Moralsystem nothwendig sind, werden wir nie die Moral zu einem festen System erheben, denn wir wissen nicht, ob wirklich so etwas existirt, als wir uns unter Gott, Unsterblichkeit und moralischer Welteinrichtung vorträumen.“
„Die Philosophie stößt alles, was Religion heißt, von sich aus, betrachtet aber Religion und Moral als ein nothwendiges Gängelband für die Menschheit, damit sie unter einander in Frieden beisammen lebe.“
„Was von Vervollkommnerung des Menschen und der Menschheit gelehrt wird, ist nichts als eine liebliche Schwärmerei. Der erleuchtete Philosoph spielt im achtzigsten Jahre wiederum kindisch mit seinen Windeln; die aufgeklärtesten Nationen morden sich wechselsweise um leere Chimären, die nichts zur Seligkeit des Einzelnen und des Ganzen beitragen.“
„Mit einem Worte: es ist alles eitel unterm Monde! wie Salomo bei den Juden sagte. Wir wissen nichts von der Aussenwelt, noch weniger von uns selbst. Wir wissen nicht, was wir sind, noch warum wir sind, noch seitwann wir waren, noch wie lange wir seyn werden; ob wir als Zwecke, oder als Mittel hier umherirren in der räthselhaften Dämmerung. — Der Mensch bildet sich aber ein, mehr zu seyn, als er wirklich ist; er läßt die Welt für sich geschaffen, und einen Gott für sich gekreuzigt seyn. Der Mensch bildet sich ein, mehr zu wissen, als er weiß, und zu den bisherigen Systemen der Philosophie hat die Phantasie mehr Materialien geliefert, als die Vernunft. Weil die Menschheit aber sich in den kindischen Träumereien von ihrer Hoheit glücklich fühlt so lasse man ihr den seligmachenden Eigendünkel.“
„Das ist ein gefährliches System!“ tief Duur: „Religion und Moral, bürgerliche Glückseligkeit, Ruhe der Seelen — alles wird von diesem Ungeheuer verschlungen. Wird der Salomonismus geduldet vom Staate?“
„Er wird geduldet, weil er wirklich keinen offenbaren Schaden stiftet und immer nur das Eigenthum der hellsten und scharfsinnigsten Köpfe ist. Zudem ist er noch nicht widerlegt; ja man hat die Beispiele erlebt, daß zwei der berühmtesten Philosophen und eifrigsten Antisalomonisten, durch das Gefühl ihrer Ohnmacht beim Widerlegen bewogen, zur Gegenparthei übergegangen sind.“