Josselin. Freund, Du redest wie ein Mann, der die Welt nur aus Romanen kennt. Wo ist der Eisenstab der Vernunft? welchen Stab kann die Vernunft gewähren? Wenn sie sich selber nur aufrecht erhalten will, muß sie sich demüthig auf ihren verkrüppelten Bruder, den Glauben, stützen. — Geh hin, und wo Du die Vernunft am gebildetsten findest, siehst Du trostlose Atheisten, die nicht wissen, warum sie sich in dieser Welt herumplagen sollen, die verzweiflungsvoll hinausstarren in die Gegend jenseits des Grabes, wo es nur immer dunkler wird, je länger ihr Auge dort verweilt. (Indem er die Gläser füllt) Trink, die Flaschen müssen leer werden! die Sonne geht unter — einst, Bruder, wir, wie sie!
Duur. Du bist sehr verstimmt.
Josselin. Nein, Lieber, wohlgestimmt bin ich, wie ichs lange nicht war. — Man hat viel darüber gefochten, wie weit in der Kultur und Aufklärung der Nationen gegangen werden müsse. Einige behaupteten, hier dürfe, keine Gränze bestimmt werden; man könne ein Volk nie genug aufklären, nie genug kultiviren; man müsse nie still stehn, sondern unermüdet vorwärts eilen. — Andre stritten für das Gegentheil, meinten, daß Aufklärung und Kultur zulezt der Glückseligkeit des Ganzen Gift werde, daß Religionen und Staatsverfassungen an diesen Klippen nothwendig scheitern müßten und jeder Reformator daher als ein Friedensstörer anzusehn sey. — Beide Partheien hatten recht und unrecht, aber wie überall in der empyrischen Welt, wo die Vernunft a priori durchaus nichts zu sagen hat, mußte auch hier die Erfahrung die beste Schiedsrichterin seyn.
Duur. Und wie hat sie entschieden?
Josselin. Der Mensch ohne Kultur ist ein erbärmliches, freudenloses Geschöpf, und immer um einen halben Grad elender, wie das vernunftlose Thier. Die Menschheit konnte sich, der ihr beiwohnenden, ewig regen Triebe willen, nicht lange in der Finsterniß erhalten — sie strebte nach einem Ausgang, nach Licht. — Allzuweitgetriebne Verfeinerung, höchste Kultur der Vernunft, besonders im speculativen Gebrauch, bewirkt aber einen furchtbaren Indifferentismus, Erschlaffung der wichtigsten Triebfedern zum moralischen Handeln, Verleihung der süssesten Lebensfreuden, allzufrühen Ueberdruß und Ekel der Welt — oder stürzte den Menschen wieder hinab zum Hang nach gröberer Sinnenlust und thierischen Dumpfheit. — Dies lehrt die Erfahrung. Betrachte die Menschen, und Du wirst entweder hypochondrische Gerippe erblicken, welche mit der Naturnothwendigkeit wegen ihres Daseyns hadern möchten, oder — Thierseelen in Menschenhaut.
Nein, Duur, es ist und bleibt gewißlich wahr, der Mensch ward nicht geboren für die Nacht der blinden Sinnlichkeit, nicht für das blendende Licht der Vernunft, durch welches wir uns in einer schrecklichen Lage zwischen Abgründen und Felsenmauern gewahren — sondern für eine wohlthätige, sanfte Dämmerung, zusammengeschmolzen aus den Schatten der Sinnlichkeit und den Lichtstrahlen der Vernunft, wo wir mehr ahnden, als sehn, mehr hoffen, als besitzen, mehr träumen, als wissen.
Duur versank in ein tiefes Schweigen; Josselin lächelte — er füllte die Gläser von neuem und trank auf das Wohl der glücklichen Nachwelt!
„Immer der glücklichen Nachwelt, und immer der Nachwelt!“ rief Duur mit einem Seufzer und erinnerte sich seines längstverwesten Oheims und seiner Favoritgrille.
Es ward still um sie her. Sie plauderten noch vieles, und verloren sich in schwermüthige Betrachtungen.
Duur schwieg. Josselin klagte über Schläfrigkeit, und Florentin hatte schon längst mit einer unnatürlichen Müdigkeit gekämpft. Es ward immer stiller, immer dunkler. Sie sanken Arm in Arm auf eine Rasenbank nieder, um sich dem Schlummer zu überlassen und dann mit einander in Gesellschaft eine schöne Sommernacht zu durchwachen.