Josselin. Eben darum, Duur! hätt’ ich gelebt in der barbarischen Vorwelt, als die Wissenschaften kaum noch der Wiege entschlüpft waren, so wär’ ich glücklicher. Die Wissenschaften ziehn den Menschen ab von der Welt und auf sich zurück — ach, und je mehr er abläßt von jener, je enger er mit sich vertraut wird, je elender er wird; denn er erkennt dann, daß die Gottheit seines Wesens ein disharmonisches Nervenspiel, sein Himmel ein eitler Traum sey. Glaube nicht, Duur, daß die Menschheit vollkommner werde, je länger sie auf dem Stern dieser Erde lebet und webet. Sie bleibt ewig, die sie von Anbeginn war. Ihre Gränzen sind unabänderlich festgesezt von der strengen Hand der Nothwendigkeit. Sie kann ihr Gebiet nicht erweitern, Seligkeit und Elend liegen ihr immer auf beiden Seiten; sie gewinnt nie ohne Verlust, verliert nie ohne Gewinnst. Wir vertauschen nur die Namen und Moden, aber behalten die Sache.

Duur. Du salomonisirst!

Josselin. Das Gebäude der menschlichen Glückseligkeit ist eine elende Flickerei, lieber Duur — und doch flickt und bessert man immer so gern daran. Sieh Dich um, Duur, und Du wirst allenthalben mit Entsetzen die Spuren des Elendes finden, wo Du es am wenigsten suchest. — Doch ich will Deine frohen Einbildungen Dir nicht zerstören — sey, wer Du willst, glaube, was Du willst — nur hüte Dich vor dem Einfall, die Hoheit und Seligkeit der menschlichen Natur zu anatomiren. — Trink!

Duur. Ich glaube Dir nicht, Josselin. So weit ich die Welt izt gesehn habe, hab’ ich auch allenthalben die herrlichen Fortschritte der Menschheit bemerkt.

Josselin. Du hast die Welt nur eine kleine Weile gesehn.

Duur. Die Sterblichen haben sich ihrer thierischen Natur mit Glück entwunden — Gefühle und Empfindungen sind gereinigter, sind verfeinerter — — —

Josselin. Ist damit gewonnen?

Duur. Die dichterischen Träume vom schönen grichischen Sinn und Geist verwandeln sich in Wirklichkeit.

Josselin. Es ist wahr, das Empfindungsvermögen ist zärter, und durch den Fleiß der edeln Künste verfeinerter; die groben Belustigungen der Vorwelt sind uns ein Greuel; wir schwelgen izt da in Seligkeiten, wo man vorzeiten kaum ihr Daseyn ahndetet. Aber eben diese gebildetere Empfindsamkeit läßt uns auch doppelt fühlen jedes Leiden; wir empfinden izt da einen namenlosen Schmerz, wo die Männer der Vorwelt nicht einmal die Möglichkeit eines Uebels vermuthen konnten. Wo man sonst lächelte, in glücklicher Taubheit der Sinne, da weint man izt; wo man sonst weinte, verzweifelt man heutiges Tages.

Duur. Dafür hat aber auch die Vernunft an Stärke und Bildung gewonnen — sie giebt dem duldenden Wandrer izt einen sichern Eisenstab, worauf er sich lehnen kann im Ungewitter des Lebens; die schändlichen Ketten der Priesterherrschaft und des Aberglaubens sind zerbrochen, in welchen der größte Theil der Sterblichen noch vor einem halben Jahrtausend keuchte.