„Seid uns willkommen, Söhne, des achtzehnten Jahrhunderts, Ihr einzigen und ersten Menschen Eurer Art, nehmt von uns im Namen der Brüder dieses Zeitalters, im Namen der Menschheit den Dank für Eure große That an. So weit die Kräfte der Sterblichen reichen, sollen Eure Wünsche erfüllt werden, um Euch die überstandne Gefahr zu versüßen; Ihr sollt nur fodern, wir wollen erfüllen; Ihr seid, Fremdlinge, Gäste dieses Jahrhunderts.“
„Wir entlassen Euch hiemit feierlich Eurer Pflicht und Arbeiten für den Orden — für Euch sey izt die Zeit der Ruhe.“
„Freilich habt Ihr nun das vollkommenste Recht zu der Frage: was hat die Menschheit im Allgemeinen seit einem halben Jahrtausend gewonnen? Ist sie glücklicher geworden, als sie es sonst war? Finden wir der Thränen weniger unterm Monde, der Freuden mehr?“
„Ach, daß ich mit gutem Gewissen ein herzliches Ja! erwiedern könnte — aber — — — das Loos der Menschheit ist und bleibt durch alle Weltalter, in allen Graden der Cultur, unter allen Zonen immer dasselbe, und verwandelt sich nicht; Lust und Jammer bleiben die ewigen Gefährten der Menschheit, und auch über sechstausend Jahren werden keine Rosen wachsen ohne Dornen.“
„Wahr ists, Künste und Wissenschaften sind seit fünfhundert Jahren zu einer Höhe emporgestiegen, welche unsern Vorfahren gewiß ungedenkbar seyn mußte; eine ungeheure Zahl von Entdeckungen und Erfindungen in allen Gebieten der Erkenntniß hat die Summe unsers Wissens so vermehrt, daß izt das Erlernen einer einzigen Wissenschaft hinreichend ist, einen Menschen durch sein ganzes Leben zu beschäftigen, da vor einem halben Jahrtausend ein Gelehrter noch im Besitz vieler Wissenschaften seyn, und sie alle gründlich studirt haben konnte; wahr ists, Cultur, Aufklärung, Wissenschaftsliebe ist nicht mehr, wie sonst, das Eigenthum einiger Nationen; Deutschland, Frankreich, England, Schweiz, Batavien sind nicht mehr die alleinglänzenden Gestirne, welche Europa und die übrigen Welttheile erleuchten, sondern Amerika und Ostindien, selbst Australien haben ihre Staaten, ihre Gelehrte, welche mit uns um den Vorrang wetteifern, über den verwehten Pyramiden Aegyptens sind izt Schulen der Philosophie errichtet, aus welchen große Männer hervorgingen, deren Einfluß das barbarische Afrika und Asien ehrt; und jene Fürstenthümer und Republiken, welche man sonst unter dem Namen der Russischen Monarchie begriff, wo sonst Bären und Wölfe durch die Wälder heulten, und Unwissenheit und Aberglaube nisteten unter den Zellen und Hirnschädeln der Pfaffen, sehen izt mit Stolz auf die traurige Vergangenheit zurück. Allein was ist damit für die Glückseligkeit und Zufriedenheit der Sterblichen gewonnen? Nichts. Denn wenn wir auch Engel würden dem Geiste nach, so bleiben wir doch immer elende, gebrechliche, leidende Wesen durch den Einfluß der Sinnlichkeit. Sinnlichkeit ist die unverwüstliche Kette, welche uns ewiglich mit Unvollkommenheit und Elend verbindet!“
„Vor Zeiten glaubte man, und es war ein verzeihungswürdiger Glaube, daß die Art der Regierungsformen keinen geringen Einfluß auf das Glück, auf die Zufriedenheit der Nationen habe. Es gab eine Zeit, wo man begierig wünschte alle Monarchien in Republiken zu verwandeln, und selbst unser Orden, benebelt von dem Rausche seines Jahrhunderts, neigte sich zu jenem Wunsche.“
„Allein die Erfahrung hat uns endlich gelehrt, daß nicht die Art, sondern die Beschaffenheit der Regierungsformen die Aufmerksamkeit der Völker verdiene; wir hörten Republiken seufzen unterm Despotismus ihrer Gesetzgeber, wir sahen monarchische Staaten Freudenthränen weinen ihren Königen. Die Erfahrung hat uns gelehrt, daß nicht Liebe und Achtung für die Menschheit, sondern Egoismus und Stolz, die Stifter und Zerstörer gewisser Regierungsformen beseelten; das Wohl der Sterblichen war nur Deckmantel ihrer mörderischen Pläne, der Epheu ihres vergifteten Weins. — Ehrgeiz und Habsucht der Großen waren die Eltern der Monarchien, Geldgeiz und Bettelstolz des Pöbels die Urquelle des Republikanismus.“
„Die Erfahrung hat uns gelehrt, daß so lange die Erde um die Sonne tanzt, und tanzen wird, selbst die besten und weisesten Menschen die Thorheit als ihr Schooskindchen pflegen und hegen. Die Fürsten raffiniren noch immer izt, wie sonst, auf Vergrößerung ihrer Macht, auf Ausdehnung ihrer Reichsgränzen. Die blutigsten Kriege werden noch immer dieser unedeln Maxime willen geführt, aber doch heißt es: es geschehe alles zum Besten des Volks; man sezt die Vaterlandsliebe der Unterthanen für die Grillen ihrer Beherrscher in Contribution, ungeachtet das Volk keine Minute an Freude mehr dadurch gewinnt, wenn sein Regent eine Provinz mehr in seinem Titel trägt. — Welteroberungsträume waren von jeher eine Erbsünde der monarchischen und republikanischen Regenten; man unterjochte sich Land auf Land, bis der Körper des Staats zu einem Ungeheuer anschwoll und in eine Menge kleinerer Reiche auseinanderfiel. Dann begannen diese kleinern Staaten das alte Spiel von neuem, arbeiteten sich wieder zu einer gewissen Grösse hinan, und stürzten wieder auseinander. Was ist izt noch von der alten persischen, römischen, fränkischen, oder russischen Allgemeinherrschaft übrig? — kaum ein matter Schatten in den Büchern der Weltgeschichte — der Name! — Dafür wurden tausend gute Menschen, die sich ihres Daseyns auf Erden weit länger erfreuen konnten, hingeschlachtet? Dafür wurden tausend Familien in Elend gejagt? Dafür wurden die ruhigen Wohnungen glücklicher, stiller Bürger und Bauern mit Feuerkugeln, Bomben und Pechkränzen in Aschenhügel verwandelt — dafür die zahllosen Thränen und Blutstropfen vergossen?“
„Ach, es ist bitter, sich an alles dies zu erinnern — zu übersehen das große Jammerfeld des menschlichen Elendes und dabei zu fühlen, daß man zu ohnmächtig sei, um zu ändern, zu bessern, zu helfen. Es ist bitter daran zu denken, daß doch am Ende niemals das gute Herz und die veredelte Vernunft, sondern List und Gewalt und die aufgewiegelte Leidenschaft im Kampfe obsiegten; daß wir in fünf Jahrhunderten, mit fünfhundertjährigem Fleis nur immer wenig zur Genesung der Sterblichen beitrugen. Wir ersparen mit aller unsrer Arbeit höchstens der allesheilenden Zeit einige Mühe; wir stillen am Körper der menschlichen Gesellschaft einige blutende Wunden früher, können aber nicht verhindern, daß immer neue geschlagen werden!“
„Was frommt also unser Dichten und Trachten, unser Ringen und Streben? — eitel wenig! und der Salomonismus hört auf für eine melancholische Schwärmerei zu gelten, wenn man sich diesen Betrachtungen weiter überläßt.“