„Aber da war ein andrer Punkt, in dem Richter und Geschworene, verschüchtert in ihren wirren Hundeseelen, um Belehrung, Unterweisung durch ‚Sachverständige‘ winselten. Und jetzt steht der ganze Schleim der Clique auf aus den Kanälen: aus Akademien — Universitäten — Kliniken und deckt die kriechende, verbrecherische Krapüle. Inkorrekt? — Nicht daß sie wüßten, vom Standpunkt der Wissenschaft sei durchaus nichts dagegen einzuwenden, daß ‚interessierten Laien‘ die Anwesenheit bei einer Operation gestattet werde.
„Begreifen Sie, Elcho. Wenn also ein beliebiger Schweinkerl die Geschlechtsorgane einer bestimmten Dame, ohne ihr Wissen von innen und praktisch mit Spiegeln erleuchtet sehen will, genügt es bei diesem wunderschönen Brauch, sich als ‚interessierter Laie‘ zu gebärden.
„Statt nun die Kollegen des saubern Herrn, wenn sie als Zeugen solches für ärztliche Usance erklären, schleunigst zu einem Bankwechsel aufzufordern — hopp, hinüber zum Angeklagten — bricht die instinktfremde Herde von Richter und Geschworenen auf den zuständigen Körperteil zusammen: die Herren möchten doch nur entschuldigen, man wisse in Fachdingen eben nicht so Bescheid — kenne die Bräuche nicht genügend ... aber nach so lichtvollen Ausführungen ... kurz: Freispruch mit Speichelfluß. Die weltfremden Angehörigen aber fliegen wegen Verleumdung ins Loch. Im Triumph kehrt der Edeling als Leiter in seine Frauenklinik heim, wo hundert ihm geweihte Ehrenbäuche lorbeerumwunden seiner harren.“
„Fürstin, verhält sich das so — auch nur annähernd so?“
„Die Verhandlungsberichte — im Stenogramm — stehen Ihnen jederzeit zur Verfügung, falls Sie den Zeitungsnotizen nicht trauen. —
„Das Frechste ist aber doch dieser Sachverständigenunfug mit Ausbeutung der Stumpfheitskonjunktur durch die Medizinmänner. War es je noch erhört, hatte ein Bock etwas ausgefressen, daß dann seine ‚Mitböcke‘ als Sachverständige einzusetzen seien über den im Garten angerichteten Schaden? Nein, über den werden wohl die Geschädigten gefälligst selbst bestimmen. Nur die allergrößten Kälber liefern sich dem Metzger selber.“
„Aber die Männer. — Sind denn europäische Männer so weit unter jedes Vieh gefallen, daß der adelige Schauder, sich schützend vor die Quelle des Lebens — für die Quelle des Lebens — zu stellen, ihre Herzen nicht mehr treibt? — Wie geborgen in der Männlichkeit, wie behütet ist die Frau bei uns. Wohl kommen erotisch sadistische Verbrechen vor — auch Gewinnsüchtige, wie überall; erwischt man aber das Schwein, so wird es in der Luft zerrissen. Den östlichen Menschen möchte ich sehen, der sich das, was Sie mir hier erzählt haben, diesen schlechtrassigen Zynismus von einer Fakultät als ‚korrekt‘, als ‚wissenschaftliche Usance‘ aufschwatzen ließe.“
Seit Marseille, seit ihm zum erstenmal das europäische Kotwesen durch das Auge an die Seele gespritzt war, hatte er nicht dies deprimierende Grauen mehr empfunden.
Die Fürstin grinste infernalisch: „Ja, das europäische Männchen. Für das sind solche Dinge schlichthin begähnenswerte Banalität. Gott, denkt es in seiner erotisch-ethischen Verstumpfung, ist’s eben wieder einmal beim Aufschlitzen schief gegangen, und trägts ansonsten mit der gleichen Standhaftigkeit, die es bei verzweifelten Entbindungen an den Tag zu legen pflegt — alles gesteigerte Feingefühl für den eigenen Schnupfen wahrend. Betrachtet sich eben hier ausschließlich als ‚interessierter Laie‘. In dieser Eigenschaft stellt es sich allerdings nicht ungern — wie sagten Sie doch — ‚vor die Quelle des Lebens‘. Aber einen ‚adeligen Schauder‘ dabei ...?“ sie lachte, daß ihr die Zähne zitterten.
Orgiasmus an Verachtung trieb ihr Worte aus, von abstoßender und doch wieder hinreißender Brutalität. Sie erinnerte ihn da irgendwie an Ganapati Sastriar und die Weltesche seiner machtvoll-breiten Unzüchtigkeit, wenn so der Geist: sein ‚guter Dschinn‘, über ihn kam — nur daß dieser ein Geist der Lust war, nicht der Empörung.