„Da gibt es nur Selbsthilfe der Frauen,“ die Fürstin jauchzte förmlich vor Hohn. „Die Gynäkologen boykottieren, bis jede Gepflogenheit, gegen die ‚nur‘ wissenschaftlich nichts einzuwenden wäre, fällt.
„Aus ist’s dann mit den Konsilien von drei Professoren und einem Stückchen Traubenzucker für die Analyse. Nota: 10000 Frs. — Mark — Kr. Im Abonnement 10% Rabatt. Nichts da. Schluß. Wir kehren zu den treuherzigeren Praktiken weiserer Völker zurück. Uns alle können sie ja dann doch nicht ins Zuchthaus sperren wegen lauteren Wettbewerbs.
„Denn darauf sah man in Sachverständigenkreisen von je und streng: der ‚unerlaubte Eingriff‘, der hatte auch unerlaubt zu bleiben. Sonst kamen ja Höchstpreise, behördlich kontrollierte Tarife, fatale Beschränkungen finanzieller Art. Da aber die Unterwerfung unter einen solch barbarischen Paragraphen alljährlich für viele Hunderttausende von Frauen den sozialen — ökonomischen — oder das Bitterste: erotischen Ruin bedeuten mußte, war es Juristen im idealen Zusammenfluß mit Medizinern stets ein Leichtes, ihn, als ‚dem sittlichen Empfinden des gesamten Volkes entsprechend‘, dauernd aufrecht zu erhalten — und freier Wucher treibt Früchte wie noch nie — ab.“
Mit Möwenschrei und gebreiteten „Sorties“ wandten sich die Frauen jetzt im Gleitflug zur Flucht; die jungen Mädchen aber waren schon längst nicht mehr zu halten gewesen, umdrängten Horus und die Fürstin, hätten sich, allem zum Trotz, am liebsten großäugig zu ihren Füßen gelagert — weit weg von der erquälten Naivität dieses zerdehnten Jahrzehnts.
Auf immer weg von einer Naivität, mit der sie hatten herumtasten müssen an dem abweisenden Gehaben der „Epouseure“ — immer wieder hingetrieben von säuerlichem Staunen — gesteigerter Mißbilligung ihrer Lieben im abgestandenen Heim. — Nur weg — gleichviel zu wem; nur es endlich anders haben, anders machen dürfen, als in dieser verwesenden, übergaren Mädchenstube neben dem krassen Elterngemach, an dem sie niedriger, unzarter sich werden fühlten von Jahr zu Jahr in abscheulichem Wissen. Hangend an Geräuschen. Ernüchtert ohne Rausch. Der Illusionen bar und bar der Klarheit.
Horus begriff. In diesen hemmungslosen Sekunden taten sich ihre Gesichter für ihn auf. Nicht geschlossene, strahlende Jungfräulichkeit, von Wildernis geheiligt, stand ihnen als freies Blau im Blick, vielmehr eine süßelose — hartabgedrängte strich in grünschwarzer Furche am Auge vorbei — bettete es in gar üble Kissen der Einsamkeit.
Ihm ward leid um sie — herzzersprengend leid, er fühlte: Welche fahrlässige Roheit einer Gesellschaft, ihren Jungfrauen demütigendes Herabsteigen in die sexuelle Arena aufzubürden, in deren nüchternem und weihelosen Dunst sie aus jedem Mann den möglichen Gatten sich erwittern müssen, in uneingestandenem, wie oft vergeblichem Versuch. Diese Schamlosigkeit — dies Crude bleibt jungen Wesen im Osten erspart.
Ja, das ist wohl der Sinn unseres obersten Gesetzes aller Vaterpflicht: zu sorgen, daß die Geschlechtsreife keines seiner Kinder unvermählt: hilflos finde und bedränge. Nichts darf gezeugt werden, dem nicht seinerseits das elementarste Recht der Kreatur: ebenbürtige Liebe, verbürgt ist, und zu rechter Zeit.
Und Glück! Soweit Glück überhaupt vorherzusehen in diesem rätselvollsten Chemismus, den erst das Letzte offenbart, hat es bei uns nicht, aller menschlichen Voraussicht nach, mehr Chance durchzubrechen: in zwei unlädierten jungen Wesen — parallel geboren — von hoch erotischer Kultur, ist nur die sinnliche Feinheit des Knabe-Liebhabers reich genug, erblich gepflegt genug, der kleinen Braut gerade das zu wecken, was sie sucht: ein junger Prinz im ganzen Reich der Liebe, befähigt, ihr die innere Heimat zu richten, wo sie will, denn alles ist ja sein.
Nur bei Rassen von ungepflegter Sinnlichkeit scheint für die Frau die Wahl so wichtig — der Irrtum eine Katastrophe.