„Mir scheint bei Schätzung von Menschen wichtig, wie eigenartige, irgendwie wertvolle oder erfreuliche Gesamtexemplare sie sind. Wie großer Schwingungen, welcher Erregung oder Bewegbarkeit fähig, welcher Verläßlichkeit und Verständnisfülle, welcher Intensität in ihren Leistungen, welcher Hingabe an irgend ein Werk, eine übernommene Verpflichtung.“
„Sie reden ja wie ein Preuß’,“ hieß es dann hämisch, und man nahm die hier zu allem übliche, zerwitzelnde, breiig zynische Haltung an. Denn nichts haßten sie so sehr wie Größe. Und immer waren sie geistreich: Merkmal schlechter Rasse. Ein Pack Ansichten und Erfahrungen höchst gemischter Pedigree, noch nicht zu einer Persönlichkeit einmalig und eindeutig verknüpfbar, lag wie Kraut und Rüben in ihnen, konnte aber, weil nicht organisch verwachsen, durch kaleidoskopartig wechselnde Anordnung in verblüffender Reihenfolge etwas wie Witz vortäuschen; ranziger Ironie voll, doch ohne Leuchtkraft im Ernst. Relativ Erfreuliches war nie aus unbeugsamem Geschmack, bestenfalls aus beugsamem Ungeschmack heraus, entstanden.
Der kleine Dr. Eskenasi nahm ihm den letzten Glauben.
„Musikstadt?“ Er schwenkte die melancholischen Augen in dem langen Emmanuel-Kant-Köpfchen her und hin, dann, die winzigen, schlaffvenigen Hände ineinandergepreßt, um sie am Dreinreden zu verhindern, noch einmal:
„Musikstadt! Lesen Sie doch nur die einschlägigen Biographien. Immer das gleiche: erst Massengrab, dann Ehrengrab. Mozart hineingeschmissen — Fidelio ausgepfiffen — Wagner zergrinst — den alten Bruckner bis aufs Blut gequält — Hugo Wolf hungern lassen — Mahler vertrieben. Jedes Urteil eine Blamage: zweiunddreißig — vierundsechzig — hundertzwanzig Weltblamagen. Von der Wiener Musikzeitschrift 1787 und Sarti angefangen, der über Mozart schrieb: „Die Musik müßte zugrunde gehen, wenn Barbaren von Mozarts Art sich einfallen ließen, komponieren zu wollen,“ an Hanslicks Definition des Rheingold als: ‚Hurenaquarium‘ vorbei, bis in die neueste Zeit. In der Allerneuesten möchten sie zwar auch noch, trauen sich aber nicht mehr so recht, feiern dafür Kuschorgien. Wedeln erst einmal zur Sicherheit jeden Kitsch an.“
Der Kleine litt an Kitschpsychose. Sonne, Frühling, Blumen, Melodien: alles was ihm wirklich gefiel, hatte er im Verdacht und wandte sich schaudernd ab. Mied auch das elterliche Palais, wartete noch auf Endgültiges, lebte bis dahin in der Pension, gleich seiner Schwester, jener sozialen Vorkämpferin mit den hinten und unzeitgemäß zu erschließenden Blusen. Doch verkehrten die Geschwister kaum, schämten sich einer des andern noch mehr als ihres Vaters, der, dem innersten Ring der Bank- und Börsenhaie zugehörig, dafür bekannt war, selbst dort die schmutzigsten, größten und anrüchigsten Brocken anstandslos zu schnappen. Beide Kinder gaben sein Geld unter Märtyrerallüren für einen Marstall von Steckenpferden aus. Betrachteten das wie eine Art Aufgabe, als solche auch zu werten und zu würdigen, nur daß einer des andern Methode übel fand. Er ertrug ihre vergröbernden Versammlungsgesten nicht — die schrille Stimme. Nannte sie: „Pöbelsklavin“. Sie ihn einen „aus der Zwiebel gezogenen Narziß.“
Er sagte: „Cäsarenwahn des Mob züchtet ihr, statt ihm zu sagen: anders werden, zuerst und vor allem um Gottes willen anders werden, dazu wollen wir euch helfen, aber da flögt ihr schön aus euren Mandaten heraus,“ und er zitierte:
„In diesen Zeiten war die Menschheit irre geworden durch Leute, mit denen ich nicht rechten will. Sie stellten sich der Masse gleich, um sie zu beherrschen, sie begünstigten das Gemeine als ihnen selbst gemäß, und alles Höhere ward als anmaßend verrufen.“ — „Jeder ein Kretin oder ein Schuft, der anderer Ansicht ist als ihr.“
„Wir sind eben der Fortschritt,“ sagte sie, „somit richtet sich jeder selbst, der nicht für den Marxismus ist.“
„Du vergißt, das hebräische Wort: „Fortschritt“ wirkt nicht auf jeden wie ein Fetisch.“