Mit den frühen Nachmittagsstunden begann jenes Lauern, das die Frauen „Ordination“ nannten oder „den Professor konsultieren“. Es bestand offenbar darin, daß ein indifferenter Mann, durch Entgegennahme von Geldeswert bewogen wurde, ihre intimsten Teile täglich längere Zeit hindurch — wenn auch ohne sonderliche Freude — eingehend zu betrachten, und dort womöglich operationsreife Geschwülste oder krankhafte Entartungen zu konstatieren. War dieses Ziel erreicht, wisperten die Arrivierten, glitzernd aufgeregt, nur mehr über ihren Unterleib, der von nun an auch in der Konversation den breitesten Raum einnahm. Gebrauchten schleierlose medizinische Ausdrücke: Uterusbespiegelung — Auskratzung — Eierstockzisten gleich Aphrodisien. Durfte man ihrem Gehaben trauen, war so ein Operationstisch das reine Lotterbett.

„Ich bin es meiner Gesundheit schuldig,“ eiferten sie, wollte der Mann das viele Geld nicht hergeben. Daliegen und mit Instrumenten an sich herumstochern lassen, galt für Pflege; sonst hatten sie nur eine nachweisbare Tätigkeit: Zu- und Abnehmen.

„Fünf Kilo hab ich schon abgenommen, seit Sie da sind,“ sagte die Dame mit der Auskratzung und machte Märchenaugen, „mir scheint, Sie sind ja für Magere.“

„Doch nicht für Abgemagerte.“ Dann höflich belehrend: „Eine Frau darf nach dem fünfzehnten Lebensjahr ihr Gewicht nie mehr verändern, sonst ist durch Spannung oder Schlaffung ihre Oberfläche nicht mehr kindlich zart genug, feinste Entzückungen zu geben und zu empfangen. Muß doch, wo immer man eine Frau hinküßt, ein winziger Muskel den Kuß erwidern können.“

Von da ab galt er für eine Art ästhetischen Ogers, hatte aber Ruhe vor den Weibern.

Manchmal erlustigte er sich zu staunen, wie dies alles schon mit differenzierten Organen protze. Ließen sie sich denn wirklich nicht mehr beliebig durchschneiden wie niedre Lebewesen? Gerannen nicht doch wieder irgendwie zu einer amorphen Masse, die „Fritschi“ oder „Lentscherl“ hieß?

Nach der Ordination wurde von vier bis sechs „bridge“ gespielt, dann ging man in eine Schubertposse mit Gesang oder den Tristan.

Dieser unaufhörliche Musikbetrieb gab ihm zu denken.

„Der Blinde hört gut,“ fiel ihm ein. An Stelle des verkümmerten Sehens scheinen die mehresten Menschen eben mit etwas musikalischem Schwachsinn behaftet. Auch ist ja insofern Musik die bequemste Kunst, als in ihr Reproduktion bereits die Illusion selbständiger Schöpfung gibt. Schließlich gilt es schon beinahe als eine Art Leistung, in einem Konzert gewesen zu sein. Er dachte: schlappschenklig sitzen, dösend rezipieren, ohne daß die dicken Augenlider dabei aufgehen müssen oder sonst etwas, das ist bei übriger Denkfäule und Stagnation noch eben möglich. Hatte aber etwa ein Fremder hier noch nicht jedes Musikwerk und in jeglicher Bearbeitung gehört, wich man vor ihm zurück wie vor einem Aussätzigen, kam sich maßlos überlegen vor.

„Daß Sie irgendwelcher Rezeption — man könnte auch fragen: warum gerade dieser — solche Bedeutung beilegen mögen?“ Erkundigte er sich erstaunt.