„Sie irren: ich meine, daß durch fortgesetzte Berührung mit Anmut, Anstand und Takt — sagen wir der Botokuden, sich schließlich auch der Standard ihres Landes heben lassen müßte.“

Dann schloß er die Tür. Packte gar nicht erst aus. Zog um. In eine Pension.

„Lassen Sie wenigstens ab und zu die Leute mit Ihnen reden,“ riet die Inhaberin, eine erfahrene Person, „wenn Sie schon fremdartig leben, ich weiß mir keine Rettung mehr, sonst besticht man das Personal, schleicht sich hinterrücks in ihre Zimmer und der Tratsch und Gierberg begräbt uns noch alle.“

„Haben denn die Leute hier ein so pauvres Dasein, daß sie nur durch schleimiges Abtasten fremder Erlebnisse sich befriedigen können? Entrüstete Neugier als Brunstersatz brauchen?“

„Ja,“ sagte die erfahrene Person.

„Und zu tun haben sie sonst gar nichts?“

„Nein,“ sagte die erfahrene Person.

Die Weiber erwürgten langsam ihre Tage mit fortwährendem Lauern: auf das neue Modeheft — die Manicure — die Sommerreise, allem zum Grund: ein vag erotisches Lauern. Schon am Morgen begann es mit Rudeln von Schlafröcken um den Fernsprecher im Korridor, bis die junge Frau „in Scheidung“, — sie trat jeden Tag ein Kind per Telephon ab, — mit ihrem Advokaten fertig war; ihm für den Prozeß alle Arten unnatürlichen Verkehrs geschildert hatte, zu denen ihr Mann sie angeblich gezwungen. Der am andern Ende des Drahtes schien als Frager emsig und gewissenhaft, doch nicht eben leicht zu befriedigen.

Dann kam für die übrigen das Lauern auf die Börsenkurse. Ließen sich mit Stellen verbinden, die sie neckisch oder betörend „Herr Spitzer“ oder „Herr Neustein“ anredeten, girrend nach Tips für „Prager Eisen“, „Rima“, „vereinigten Gummi“. Alles in merkwürdig breiigen Kretinlauten; galt es doch in dieser Stadt offenbar für unweiblich, einen korrekten Satz zu sprechen, die Männer fanden das gespreizt, witterten für sich Unbequemlichkeiten, winkten ab.

Nun erschien meist das Stubenmädchen im Korridor, um sich laut zu beschweren: Nacht für Nacht müsse sie bis ein Uhr wachbleiben, um dem Fräulein von Nummer acht, der sozialdemokratischen Führerin, noch die Bluse hinten aufzuhaken, wenn sie aus den Versammlungen in Ottakring nach Hause käme. Jetzt gehe sie zur Direktrice kündigen.