„Aber recht eigensinnig und unfolgsam“ pflegte Mama zu erwidern, „gerade heute sollte sie gar nichts bekommen.“
Meist log Mama. An Ballontagen war zufällig nie das Kleinste passiert. Der Ballon aber war ein Wunder, obwohl er schlecht roch; denn er blieb aufrecht oben am Faden, während sonst alles unten an Fäden hing. Hatte auch am Bauch ein komisch verrunzeltes, herausgestülptes Knöpfchen, vor dem einem ein wenig ekelte, wie ein Schwein. Ein fliegendes Gasschwein ohne Flügel.
Jetzt begann die große Versuchung: heimlich die Schnur vom Handgelenk gleiten lassen, damit der Ballon frei hinauf könne, immer schneller und kleiner würde, schließlich wie eine Traubenbeere mit Schwanz. War er aber auch ganz weg, hinter ihm, das Loch im Himmel blieb noch lange, indes man Bestürzung heucheln mußte und gezankt wurde wegen der Unachtsamkeit. Es schien: Geschenke gehörten einem doch nicht recht. Nie durfte man mit ihnen Lustiges tun, meist nicht einmal sagen, was man tun möchte. Sie war im sechsten Jahr — eben bog der Wagen wieder einmal ins Tor heim — da vergaß das kleine Mädchen mit dem Mund zu knicksen, während Papa den Hut schief weg zog und Mama das Gesicht, denn: etwas Überwältigendes war geschehen und viel zu groß für Angst:
Sie wußte nicht mehr, wo sie aufhörte.
Da war die Hand; ihre Hand mit dem aufrechten Ballonfaden. Flöge jetzt die Hand mit dem Ballon davon, durfte dann der Ballon zur Hand „ich“ sagen oder die alleine Hand zu sich selber ich?
Wer ist Ich? fühlte das Kind. Sah über den Rand der Frage in ein Bodenloses. Streifte den Handschuh ab, spannte und entspannte jedes dünne Fingerwesen, ließ es tun — empfinden ...
„Wo fange ich an — wo ende ich?“ staunte immer weiter. Rann noch einmal mit allem Gefühl vom Herzen in die Körperspitzen, wollte ins Grenzenlose, konnte nicht weiter, war von diesem Augenblick an bewußt mit der Welt in Ich und Nicht-Ich zerfallen, das Wunder Dasein hatte fragende Augen aufgeschlagen, die sich erst im Tode schließen. Das Fremdlinghafte war da; für immer. Mit ihm: Persönlichkeit, Einsamkeit und Sehnsucht.
Das wußte aber die winzige Philosophin noch nicht. Vorerst ging alles in Staunen auf. Probleme spannten helle spitze Flügel, wollten durch sie hindurchbrechen, pfeilrecht und silbrig, die junge Seele erfüllen und tragen.
„Warum hast du nicht gegrüßt? Was wird die Frau Regierungsrat Dostal denken.“
Papas Augen und Stimme rissen durch den dünnhäutigen Kinderkörper hindurch. Die gestockte Zeit begann auf einmal heftig zu laufen. Der Wagen fuhr weiter durchs Tor. Alle Dinge taten wieder und man schrak auf in einem Abgrund von Verworfenheit, saß bestürzt mit einem Bums mitten in unübersehbaren Folgen: hatte zu grüßen vergessen. Das Herz schlug breit wie ein Fächer durch die ganze Brust.