Dem verworfenen blonden Wechselbalg am Rücksitz ballte sich das kleine Herz zur Faust. Alle echte Beschämung war weg:
„Vielleicht bin ich wirklich nicht ihr richtiges Kind? Welch Glück!“ Und den Gedanken weitertrotzend:
„Meine echte Mama trägt keinen Bauch unterm Korsett und mein wirklicher Papa ... nun aussehen tut er vielleicht wie Papa, aber er schreit gewiß nicht so häßlich in der Fabrik herum. Die Katze und das Reh nehm ich natürlich mit in mein Königreich, sonst aber niemand. Da stehen dann Papa und Mama voll Reue am Haustor und flehen. Aber erst ganz zum Schluß dreh ich aus dem Wagen heraus ein wenig den Kopf und sag: ‚Später einmal — vielleicht‘.“
Sie lächelte in das Königreich hinauf.
„Der Ballon,“ sagte Mama empört und hatte zwei hängende kleine Schrotsäcke in den Mundecken, alles Verzuckerte war auf einmal fort, „man sollte ihn ihr wirklich zur Strafe wegnehmen.“
Papa zog sein Taschenmesser, durchschnitt die Schnur. Wundergrad stieg der Ballon bis über den Rauchfang. Dann drehten ihm Krallen aus Gas den Hals um, er duckte sich, wutschte weg, schräg packte ihn ein Wirbel — sie hob entzückt die Hände, fühlte an ihren Rändern wieder das Problem eigenen Aufhörens. Dunkle Angst und Verantwortung, so ein ganz alleines Ich zu sein unter lauter fragwürdigem Draußen, überwältigten plötzlich das Kind. Es brach in Tränen aus.
„Das kommt davon, wenn man vorlaut ist,“ sagte Papa, dann tröstend: „aber vielleicht gibt es morgen einen neuen Ballon, den binden wir dann so fest, daß er gewiß nicht wieder fortfliegt.“
Voll Mitleid mit so viel dickhäutiger Begriffstützigkeit sahen die jungen Sternsaphire sich diesen desolaten Erwachsenen an, der obendrein ein Papa war.
Großen konnte man ja überhaupt nichts erklären, sie aber auch nichts fragen; wenigstens nichts „Eigentliches“. Mama sah dann aus starrgrauen Augen meist zur Seite, tat, als tauche sie eben aus einer überaus wichtigen Erwachsenensache auf, in die sie sofort wieder zurück müsse, nickte flüchtig und falsch zerstreut:
„Ja, ja, schon gut, aber halt dich grad.“