„Nicht einmal bedankt hast du dich noch bei der armen Mama und hat doch solche Mühe gehabt mit deinem neuen Zimmer, hat sogar da wieder alles allein machen müssen.“
Samstag von fünf bis sieben war Tanzstunde im Institut Crombée-Wokurka. Schon die Ankunft im Vorraum, ein kleiner Triumphzug für jede der sechs Eliteschülerinnen. Vom Salonschreibtisch, vor den verschlossenen grünen Läden, erhob sich im Gaslicht Madame Crombée-Wokurka, und unter der Mahagoniperücke fletschte ihr wunderbar falsches Gebiß schmeichelhaft Willkomm. An der Tür des Tanzsaales aber stand Monsieur Crombée-Wokurka selbst und seine Beflissenheit teilte vor einem die hopsende Plebs auf dem Weg zur kleinen Privatgarderobe der Auserlesenen. Er schwebte dahin wie der Ballon ihrer Babytage, denn sein Bauch schien lauter Luft. Aus ihm hingen die Beine herab mit krummen Lackschuhen als Gondeln. Ein leichter Auftrieb nur, ein Zephir, und er stiege zum Plafond, dort entlang zu bumsen, noch immer mit den Füßen trillernd.
In der Garderobe aßen die sechs Bevorzugten dann selbstherrlich Orangen und Bonbons, indes das Anfängervolk draußen in seinen Niederungen schwitzte, bis man es für gut befand, zu erscheinen und die hohe Paradeschule anhub: unechte Sachen auf der großen Zehe, ein kastrierter Fandango, dann Polnisches, Russisches, Schottisches, Indisches, Lappländisches, Dionysisches für den Mittelstand.
Und doch war jeder dieser Samstage ein kleines Fest bis zum Tag des Skandals mit der Frau Binder um Ernas willen. Schon zu Hause mußte sich Dunkles und Empörendes bei Binders abgespielt haben, denn von den Schwestern kam Erna, die halberwachsene, die nußbraune, sonnige, ganz verweint an, während Mimi, das kleine Aas, triumphierend die Mutter umschwänzelte. Später ein Streit um ein Paar Tanzschuhe, Mimi, weil im Unrecht, quietscht um Hilfe, lügt während der Tanzpause alles heimtückisch und verdreht der Mutter vor; die schleift Erna aus dem Kranz der Tänzerinnen, ohrfeigt sie klatschend unter Gekreisch vor aller Welt, Erna, zerschluchzend in Scham, stürzt zur Garderobe, gräbt den Kopf in den Diwan, riegelt sich ein.
Mitten unter beschwichtigenden Müttern sitzt roh und feig das Binderweib. Oh, wie war diese Person widerlich! Als risse sie den ganzen Tag fanatisch Eingeweide aus Hühnersteißen. Und das sollte Macht haben über menschliche Wesen?
„Sag’ Erna, sie hat herauszukommen — sofort hat sie herauszukommen, bring sie her, hörst du, Sibyl?“
Eine Verbeugung, ein lässiges Gehen. Dann wiederkehrend, eine zweite tadellose Verbeugung. Dann eisklar vor Empörung — über alle angeborne Scheu begafftes Zentrum zu sein, hinweg — in die verlegene Stille hinein:
„Erna wird erst kommen, bis Sie, gnädige Frau, sich anständig betragen.“
Zu Hause erzählte sie, noch ganz im roten Nebel gerechten Zornes das Geschehene.
Da verschrob sich auf einmal wieder alles in dieser unberechenbaren Erwachsenenwelt, und sie saß — wie damals im Wagen — bestürzt mit einem Bums selber in unabsehbaren Folgen: in einem Abgrund eigener Verworfenheit.