Die erste überflüssige Infamie. Das kam davon, ließ man sich von Erwachsenen auch nur halbwegs in etwas wie Beeinflußbarkeit hineindupieren und überhaupt: „vom Kapital zehren“ konnte gar nicht so wie etwa „die Großmutter auffressen“ sein, gleichen Jahres tratschten es die Leute in der Sommerfrische doch auch von Papa. Allerdings war das Mamas Tun. Frucht ihrer zitternden Andeutungen von dubiosen Bergwerksunternehmungen. Gedrückt und machtlos schlich sie dahin: eine hilflose Frau eben, mitgerissen in den Ruin des halsstarrigen Gatten.
„Ich darf ja nicht klagen,“ klagte sie der Tochter — dann bitter: „es ist ja sein Geld.“ Rächte sich so, halb unbewußt, durch Kleinheitswahn für die peinliche Überlegenheit des erfolgreichen Gefährten, statt die Vorteile seines Arriviertseins froh mitzugenießen. Meisterin nur in einer ehelichen Kunst: „l’art d’être martyre.“
Ja, er hatte wirklich Verluste gehabt, Bruchteile seines jährlichen Einkommens betragend, ließ es aber aus Ärger oder Schwäche schweigend zu, daß reine Sparorgien anhuben. Sibyl angesteckt, getraute sich kaum mehr zu essen. Es war ein stillschweigender Ehrgeiz zwischen Mutter und Tochter ausgebrochen, die Rechnung im Restaurant täglich zu verringern, auf ein lächerliches Minimum zu reduzieren; schließlich aß man nur mehr jeden zweiten Tag zu Abend. Die Sommergäste stutzten. In gleichen ängstlichen Wellenkreisen, wie vor Madame Swoboda, wich es jetzt vor ihnen zurück.
„Sie fürchten sich, wir könnten sie um Geld angehen,“ und Mama rang die Hände im Schoß, mit der Miene verschlagenen Jammers. Dann begann sie zu weinen.
Dieselben Leute waren später ehrfürchtig erstaunt, in der Stadt, anläßlich eines Blumenkorsos, in ein Privatpalais mit großem Park und angrenzender Fabrik geladen zu werden, mit Stallungen, Wagen und Dienerschaft. Auch Sibyl schöpfte wieder Mut: „das alles gehört doch Papa.“
Die Mutter, in der Not der fast ertappten Hysterischen, tat geheimnisvoll. Dann schadenfroh flüsternd:
„Im Haus ist doch der Schwamm.“
Der Schwamm! Sibyl meinte förmlich zu sehen, wie ihr Heim aufrechten Leibes verweste, eines schönen Tages aus den Grundmauern heraus zu stinkendem Brei zerfiel, vor dem man ratlos auf der Straße saß.
Durch den großen Organismus dieses Haushalts lief immer Geiz in Krampfadern. Im Licht von vierzig Glühlampen ward am Zündhölzchen gespart. Wunderliche Hemmungen im Hausherrn selbst. Starre, Schwäche, Wahn, ihm anhaftend aus enger Jugend, lag dem allem zum Grunde. Ein Kuß, ein Scherz, anmutiger Spott hätten diese Restbestände vielleicht lächelnd aufgelöst, so aber verbreiterte sie das karikierende Märtyrertum seiner Frau wie mit Scheinwerfern über das gemeinsame Leben. Schon stumme Duldung einer Ersparnis wurde zu stummem Befehl umgedeutet, dem man mit leidender Beflissenheit zuvorkam, wie um weit Ärgeres auf diese Weise eben noch abzuwenden. Seine intimsten Irrwege fand er solcherart immer schon vor seiner Nase zu Chausseen ausgebaut; was Wunder, daß er sie mechanisch weiterging.
Einer alten nordischen Stadt entstammend, war er als Erster aus der Geschlechterkette von Gelehrten, Staatsbeamten, Ärzten, erobernd herausgetreten, in der Fremde die langgezüchteten Fähigkeiten lukrativ als Erfinder und Unternehmer zu verwerten. Kulturell Patrizier, materiell Parvenü, blieb der reine Ruf seines Blutes der Kargheit zugewandt, sein starkes künstlerisches Sehnen aber brach sich am Weltpovel dieser ganz von Gott verlassenen siebziger und achtziger Jahre. So schnellte er auch aus Trotz zuweilen wieder in die Kargheit zurück.