Ein jähzorniger, steckengebliebener Weltherr, dessen mächtiger nordischer Same durch den nichtigen Leib seiner hübschen Frau hindurchgeschlagen hatte, als wäre sie Nur-Gefäß, um in einem einzigen Kind geheimnisvoll sehnsüchtig sich selbst zu „überzeugen“. Oder rührte die Entstehung dieses Wesens schon an das Geheimnis, wo die Natur plötzlich zu „springen“ anhebt: fecit saltus. Das Beispiellose aus sich heraufwirft in einer generatio spontanea als neue Art, wie es im Reich der Pflanze sich zu offenbaren beginnt? Maßlos für dieses Spätgeborne war seine Eitelkeit, seine Liebe und sein Unverstand. Gewaltsam, instinktirr, barbarisch und sentimental dilettierte er an ihm herum. Entfachte Diskussionen, um seinen Stolz in dem leuchtend frischen Hirn zu sonnen, zugleich mit seiner Tyrannei, denn nahm die Polemik eine andre Wendung als er vorausbestimmt, oder ward er gar selbst in die Enge getrieben, verbot er seiner Tochter einfach den Mund, und um so heftiger, je hohler der formale Vorwand:

„Genug — kein Wort mehr — ein junges Mädchen hat sich nicht so apodiktisch zu äußern, das wirkt unbescheiden und abstoßend.“

Wie sie als Kind nicht hatte weiterfragen sollen als er wußte, so jetzt nicht weiterwissen als er frug. Empört tat sie unter so unfairen Bedingungen nicht mehr mit, lehnte Diskussionen schweigend ab, oder gab ausweichende Antworten. Nun verfiel er darauf, sie bei Tisch, wo Flucht schwieriger war, systematisch so lange zu reizen durch hämische Angriffe auf große moderne Geister, die er nicht kannte, aber mißbilligte, bis sie in zitternde Worte ausbrechend, sich wieder fangen ließ; denn hier war das ja anders als mit denen in der Tanzstunde; Papa wollte man nicht so ohne weiters aufgeben, wenigstens nichts unversucht lassen, ihn doch noch zu heben, zu entwickeln. Hätte es nur nicht immer gerade bei dieser barbarischen, gemeinsamen Esserei sein müssen, mit ihren trivialen Vorwänden zum Unterbrechen:

„Die Leber vielleicht etwas brauner rösten, das nächste Mal ...“ oder:

„Nimm noch von der Paradeissauce.“

So trieb dieses verhaßte, nichtige Erwachsenengewäsch stets Keile quer in die Gedankenrichtung hinein: gerade wenn man mit glühenden Ohren im Kühnsten und Herrlichsten gewesen.

Reitstunden begannen. Der Pferderücken wurde Ziel ihrer noch diffusen jungen Sinne. Ein Gefühl kam sie da an von Göttlichkeit, wenn ihr liebkosender Wille allein, ohne Hilfen durch Ferse oder Hand, übersprang als schäumender Galopp in die große fremde Kreatur, die zitterte, bis das Fell der Kruppe zu glänzen begann wie reife Kastanien. Und der Sturm des Sprunges erst. Wie war das schön! Sein triumphierendes Arom nach Tier, Lohe, Leder, Hürde, nach verdichtetem Frühlingswind.

Man grinste: „Reiten! Natürlich. Will sich einen Grafen fangen, die kalte Streberin!“ Der Stallmeister verschwor sich, seit der Kaiserin Elisabeth sei so etwas an Begabung nicht dagewesen, drang auf hohe Schule, gab sein Bestes. Der väterlichen Eitelkeit jedoch genügten ein Dutzend Ausritte pro Saison, um in den großen Alleen angestarrt zu werden. Weitere Abonnements wollten erbettelt sein, gaben ihm dann das Recht, war er gerade schlechter Laune, zu rohen Anspielungen, die Kosten und dubiose Rentabilität einer Tochter betreffend. Da kam es wieder über sie wie am zwölften Geburtstag bei der Zimmereinrichtung: alles oder nichts. Kein Kompromiß. Und gab das Reiten auf. „Undankbar und unbescheiden“ nannte es Papa.

„Man sieht Fräulein ja gar nicht mehr zu Pferd?“ frugen die Herren aus dem Tattersall, freudig Unrat witternd.

„Es langweilt mich,“ log sie, dem Weinen nah, um Papas Schäbigkeit zu decken, preßte die Nägel dabei ins Fleisch vor Schmach.