„Jetzt ist es wenigstens aus mit der ewigen Tierschinderei. Soll ja da eine ganze Menagerie gewesen sein.“

„Was, Sie wissen nicht? — Aber das ist doch stadtbekannt. Ins Wasser geworfen, gepeitscht, gebraten hat sie die armen Kreaturen ... häuserweit war’s ja zu hören ... und auch sonst noch ... Die Frau Regierungsrat Dostal, die doch danebenwohnt, hat erzählt ... na, ich sag’ Ihnen ... mit dem großen Hund ... Sie verstehen.“ Die Herren zwinkerten. Die Damen konnten es gar nicht fassen, ließen es sich denn auch immer wieder erklären und sinnfällig dartun.

Papa brummte, es wäre ihr ja freigestanden, weiter hier zu wohnen, als Herrin sogar. Der neue Besitzer hatte sie zu Pferd gesehen.

Da hob das Mädchen-Kind, statt aller Antwort, nur ein ganz klein wenig die Brauen, im unbesieglichen Hochmut einer Siebzehnjährigkeit, die sich nur von der Phantasie bespringen läßt. Dieser Roßmensch? Der fuhr mit seinen Viererzügen doch irgendwo ganz draußen, vor dem Leben herum! Gehörte noch gar nicht zum „Eigentlichen“, ein fehler und irrer Vorhalt, wie das Übrige.

Ihr unruhig schlafendes Blut aber träumte davon, alles Würdige zu umarmen: Götter, Tiere, Ideen, Taten. Einer Dreieinigkeit aus Dionysos, Buddha und Newton hob es sich springrot entgegen, mit Hilfe des alten „Noch-nocher“ aus der Babyzeit: noch höher, geschmeidiger, weiser, glühender, reiner werden. Dieser Trieb nach Reinheit, bis in die entlegenste Minute hinein, begann ihr etwas von einem jungen Gralsritter zu verleihen. Von diesem lichten Doppelgänger kam ein beflügeltes Schreiten, eine Schwerelosigkeit an den Grenzen der Flamme, des Schleiers, der Welle. Auch im Straßenschmutz sollte der Saum des Schuhs noch ohne Makel bleiben.

Doch sie war so ein ganz alleines Ich — nicht hilflos — aber ohne Hilfe und begann daher allmählich aus jenem vollkommenen Zustand der Gnade zu fallen, als welcher allein das reine Befolgen des Instinktes ist; wollte jetzt wissen, warum sie recht hatte, suchte nach Gründen, letzten Endes also nach einem Rechthaben vor der Welt, somit leicht angesudelt.

Es war eine Philosophie der Schlankheit, die sie sich da zurecht gelegt hatte: Das Wesen des Lebens sei Bewegung. Bewußte, aus Innervationen erfließende Bewegung, im Gegensatz zum Toten, das sich nicht bewegen könne ... Demnach müsse alles Dichte, was der Durchflutung mit Geist entgegenstehe, als fehl empfunden werden, vollendet hingegen jener Kanon der Glieder, der die leichtest zum Ziel strebende Bewegung ermögliche ... also Langbeinigkeit, Schlankheit (größte Übersetzung bei kleinster Speichendicke) ... Das Lebendigste, jenes, in dem der Geist als Anmut schwinge, wie im Wimpel der formgewordene Wind. Fett sei demnach eine schwere Erkrankung oder ein Charakterfehler. Im Wohlgeratnen müsse es unaufhörlich restlos zu Temperament verbrannt werden.

Nicht aus ihm, nicht aus wucherndem Bindegewebe wollte sie bestehen, sondern aus Tausenden winziger Herzchen: den Muskeln, deren jedes das Leben wirkt.

Der ganze Körper eine Herzprovinz!

Man grinste nicht mehr. Von nun an war sie irgendwie eine dauernd Angeklagte, begann wie Scheidewasser auf ihre Umwelt zu wirken: wer etwas Schönes hatte, mußte es ihr geben, der Gemeine sein Gemeinstes an ihr auslassen.