Dann, nach Stunden, aufschauernd aus Umarmungen an den Grenzen des Lebens, erblickten sie sich selbst, erblickten ehrfürchtig, was Shiva, der Herr der Glieder, sich aus dem edelsten, dem lebenden Material herausgeglüht, auf daß es — ungleich dem sparsamen Werk der Kunst — gleich wieder zu noch heißerem Leben, noch wilderer Anmut zergehen möge.
„Das sind wir.“ — „So viel ist uns anvertraut.“
Glätte jedes Muskels, Feinheit jeder Phalanx, das Wunder des Knies, alles hatte plötzlich einen Wert ohnegleichen. Nur weil es so, gerade so, konnte der Gott es bespielen. Hoch über aller Eitelkeit beugten sie sich — heiß vor Verantwortung — Hüter zu sein von lauter Dingen ohne Preis. Dem Einmaligen, Heiligen, Unwiederbringlichen, das ein lebender Körper ist: Statue, die nie erstarren darf, weichglühender Kelch von Murano, dem edler Atem Tag und Nacht, von innen heraus, die immer leise schwankende, feine Form bewahren muß.
Jeder unreine Bissen, ein häßlicher Gedanke, eine unvornehme Geste droht schon ihn zu mindern, seine Einzigkeit zu trüben. Denn Vollendung ist freigewählte, unaufhörliche, lückenlose Zucht. So fühlten sie. Und das Licht, das Gewissen des Körpers, lächelte ihnen dabei zu. Und es lächelte sogar die Zeit, denn vom Anfang dieser Erkenntnis war sie noch einen weiten Weg mit ihnen, statt gegen sie.
Der Tag begann seine Form zu verlieren, weil die roten Wogen der Nächte über seine Ränder spülten, so daß letzter Schauer des Erinnerns mit dem ersten der Erwartung am hohen Mittag zusammenfloß. Noch viel zu viel Bedrängnis in der Entzückung. Hoch über dem Glück laufen ihre unerhörten Spannungen hin — zu Glück werden sie erst in der Erinnerung verblassen.
Menschen schienen zu nah und grell. Sie gingen zu Tieren und Musik. Beide Begleiter des Dionysos, des Herrn der Wollust, dem die Flöte heilig ist und der Astragalos: das Sprunggelenk des Panthers. Und das aus tiefen Gründen. Oft balgten sie sich stundenlang, wie große junge Katzen, mit dem Pantherbaby herum, das, ein Findling vom Rand des Dschungls, von der Leonberger Hündin gesäugt wurde. Das setzte sich manchmal, mitten im Spiel — kein Mensch wußte warum — plötzlich tiefernst geworden, auf seinen runden Schwanz und versuchte in den Zenith hineinzubeißen. Da mußte man es auf die trocken glimmernde Granulierung der Nase küssen, trotz seines empörten Protestes. Um den moosigen Mund lag das Hold-Fremdweltliche noch: Verschlafenheit alles ganz Jungen. Durch die Wolke von Milch und Babytum aber strich schon fahler Dunst walddurchstreichender Flanken, und die wunderbar blauen Augen, in denen das künftige Gelb in Goldkörnern schwamm, besprangen königlich alle Dinge, kraft ihres leuchtenden Rechts.
Solche Arme voll allersaftigsten Zuckerrohrs hatte Rama-Krishna in seiner hundertzwanzigjährigen Erfahrung noch nicht erlebt, als jetzt täglich, von vier jungen Händen gereicht, in seiner dummen Säuglingslefze verschwanden.
Er nahm es als karmische Fügung: man frägt nicht viel und lutscht. Leise schaukelnd. Seine beborsteten Augen, geäderte Billardbälle, weichen vorbei, immer ins Leere, nur die Rüsselspitze, hellfühlend, äugt nach mehr.
Vor siebzig Jahren war er Buddhist geworden, damals, als das Malheur mit der Herde passierte. Die „Affäre“ war zwar ohnehin verjährt, aber auch so — nein, er hatte sich durchaus nichts vorzuwerfen.
Wie etwa mit Benedek bei Königgrätz Anno 66 war es gewesen. Alle hatten das auch anerkannt und sich wirklich reizend benommen. Durchaus würdig. Keine Vorwürfe: „wären Sie nicht“ ... „und hätten Sie doch nicht“ ... „und sehen Sie, das kommt davon ...!“ — Nein, nicht einmal die Kühe hatten gekeift. Wie hätte er auch wissen sollen, daß der neue Vize-Roy, so einer von den fahlen Affen mit dem komischen Geruch, einen Kraal: Einfangen wilder Elefanten in heimtückisch kaschierter Umzäunung, anzusehen gewünscht?