„Man muß den Schild der Armut über die Schätze des inneren Lebens halten,“ war alles, was er von sich gesagt.

Das gab es also wirklich! Auf demselben Gestirn mit Gasrechnungen, Ex- und Import, Hundesteuer und Leitartikeln.

Brief über Brief kam voll Weisungen für die jüngste Jüngerin. Es war ein Werben ohne Werbung. Aus verborgenem Licht schlug sich ein Regenbogen von ihm zu ihr. Seine manische Sicherheit war frei von Anmaßung, denn hinter ihm stand mehr als Sterblichkeit, und das süße große Du brach ihnen aus gemeinsamer Jüngerschaft als seine erste Knospe auf.

„Mein geschwisterlich Gemahl im Geiste — zeitlos atmen mit Dir,“ schrieb er einmal.

Noch andre Briefe kamen. An Papa. Mit Insinuationen. Das Auftauchen dieses Fremden war nicht unbemerkt geblieben. Eines Tages fand sie ihre Korrespondenz erbrochen; die widerlichste Szene folgte. Denn es ist eine indezente Wahrheit, daß die hoffnungslose Eifersucht von Vater zu Tochter, weil körperlich rein, um so gewissenloser mit allen psychischen Begleiterscheinungen der Ausschweifung, als da sind: Gewalt, Arglist, Betrug, Wortbruch, Verrat, in Form von Elternpflicht sich auszutoben sucht. Das jungfräuliche Kind steht nun empört, begreift nicht, weil kein grimmes Glück die Kette der infamen Nervenspiele je durchstößt und ihnen Sinn gibt.

Der junge Nebenbuhler wiederum kommt heil nur an dem leidenden Vatertier vorbei, befriedigt er maßlos dessen Eitelkeit, da wird es resigniert satt und still.

Über Sibyl aber ergoß sich nun eine ganze Marlittiade: wie Papa vermeint, eines Tages müsse ein Goethe, der zugleich Vanderbilt, englischer Herzog und französischer Botschafter, in einem Auto aus den Wolken fallen als sein Schwiegersohn. Die Tochter mochte bis dahin auf Eis liegen oder sonstwie Neutrum sein, wie es gerade für ihn am bequemsten schien.

Jetzt, bei der ersten Abweichung von diesem naiven Programm, beging er gleich das Allertörichteste: drohte, da sie minderjährig, mit der Polizei. Zurückbringen würde er sie lassen im Fall einer Heirat und den Mann wegen Entführung verhaften. Trieb Sibyls Selbstachtung damit in ein fait accompli hinein, wo bisher nur immateriell jungfräulicher Rausch gewesen.

All dies unwiederbringlich Zarte, das Edle, Einzige, Innige, alle Keuschheit erster Liebwerdung hing jetzt: ein abgehäuteter Seraph wie zwischen ausgespreizten Viehkadavern in einem Schlächterladen in seinen cruden Worten. Da sammelte sie sich in ihrer Trauer und Empörung, schwang sich wie eine Lanze — und traf — traf — traf —, den Menschen, den Vater, den Mann. Sagte, was sie nie gewußt, hellsichtig vor leuchtend intelligentem Haß, in Worten von leiser, blanker, tödlicher Mißachtung.

Und weinte und weinte dann auf ihrem Bett, fassungslos entsetzt über die Schöpferkraft des Hasses.