Zwei Jahre lang wechselten Vater und Tochter kein Wort. Am Tag ihrer Großjährigkeit ging sie aus dem Haus und ließ sich mit Gabriel Gruner trauen, war so erschüttert dabei, daß sie ihr eignes „Ja“ überhörte, es später nochmals stammelte, taumelnd von dem cherubinischen Hochzeitsflug: dem Flügel an Flügel durch die anwachsende Glorie fließen, ohne Trennung, ohne Tod, lotrecht auf den Fluten des Strahls — bis zu Gott. Das sollte die Ehe sein.

Ihre scheuen Knabenkörper kannten einander kaum.

Schwarzgekleidet bis zum Hals saß Gabriel in der Sonne und sagte:

„Es fehlt dir an Demut.“

Seine Macht war sehr groß; ging aus von der verborgenen Morgengabe hinter dieser breiten, bleichen Stirn. Sobald er sprach, lag ihre Seele quer über seinen Knien und die flutende Empfindung spülte jede Vision herauf, deren er bedurfte.

Bei diesem Wort: Demut aber stockte die schöpferische Hingabe. Langsam stand sie auf, wie ganz wo anders. Ihr Gesicht schwebte in die Höhe, kantig wie ein Windenkelch und plötzlich von heidnischer Eleganz.

„Demut!“ Das Wort mußte doch jedem Menschen mit Selbstachtung irgendwie widerstehen. Ja: hätte er „Ehrfurcht“ gesagt, das wäre etwas anderes gewesen. Demut ist Ducken, Ehrfurcht sich aufrecken zu Gott.

„Gut, gut, man weiß schon: „wir sind allzumal Sünder und sollen nicht wider den Stachel löcken.“ Und ich sage mindestens drei Lügen an einem einzigen Vormittag und verunreinige sie auch noch mit Wahrheit, daß es einen Sudel gibt, und da ist kein heiligster Augenblick, in dem ich nicht auch ein klein wenig an meine Frisur gedacht und kein Erkenntnisrausch, den das Wort „Jause“ nicht ganz freundlich unterbrochen und da ist kein geliebtester Mensch, dessen Tod ich nicht spielerisch ausgekostet und durchprobiert hätte. Aber das schießt alles wie Sternschnuppen rechts und links vorbei. Innen steh’ ich ohne Demut, bis in die Seelenspitzen aufgereckt in Sehnsucht nach dem Reinsten, und so sehr kann ich wollen, daß mein Herz aus der Brust greift und es sich nimmt.“

Sie hatte die ganze Zeit geschwiegen. Gabriel Gruner bekam seine manisch hellseherische Knorrigkeit:

„Man darf nie etwas wollen. Wer nicht mehr will, zu dem kommt alles.“