„Dann braucht er es nicht mehr,“ sagten die zwei störrischen Sternsaphire oben in dem kantigen Windenkelch von heidnischer Eleganz.

„Nur solang ich mich danach zermartre, brauch’ ich’s. Nur solang jahrelange herzzersprengende Sehnsucht sich, fahl vor Ungeduld, an unsichtbaren Widerständen schluchzend zerstört: da mitten hinein hat die Erfüllung zu brechen oder sie ist nichts.“

Etwas Taubes war in seine Haltung gekommen. Das, was sie „das Feigenblatt vor dem Kopf“ nannte. Als wiche zur Strafe ihrer Störrigkeit die verborgene Verheißung hinter seiner Stirn weit von ihr zurück.

Nein, nur das nicht. Sie warf sich ihm nach. Gab alles Eigen-Sein, überhaupt alles Sein auf, übte Demut und versuchte die Sehnsucht zu verlernen.

Der geistige Führer war ein Doppelwesen. Hieß Scheible und Radinger.

Jeder für sich war nichts. Stiller, ländlicher Handwerker in schlesischem Walddorf. Zusammen bildeten sie ein magisches Zwiegeschöpf, dem Seherschaft eignete, inneres Schauen, Führertum. Ob ihre Körper dabei räumlich getrennt, blieb belanglos.

Im Alltag war Radinger: der Schreiner am Dorfplatz, weitaus der Bedeutendere: von intelligenter, schlichter Großartigkeit, dem Selbstporträt Dürers ähnlich, doch mystisch ohne Schöpferkraft. Das „in den Geist kommen“ hub stets in Scheible an, einem alten Flickschuster, von kläglicher Wortarmut, unbeholfen, auch bresthaft. Nur wenn diesen kleinen Greis — in seiner Werkstatt oben am Kirchenhügel, die er selten verließ — Starre und Traum befiel; wenn er, gleichsam horchend über den kreißenden Geistkeim in sich gebeugt, dasaß, dann begann es aus Radinger in Sturzgeburten zu reden, als das „innere Wort“. Das „innere Wort“ gab auch jedem Schüler den ihm eignen Geistnamen. Das Lebendigdenken dieses „wahren Namens“ sollte allmählich den Leib, den „alten Namen“ verwandeln zu Geist. Angeblich unverkennbare Anzeichen äußerer Art am Körper: wie Wundmale, Linien, Buchstaben begleiteten diesen verborgenen Werdegang. Markierungen auf dem inneren Pfad, vor jedem neuen Gipfel und Ausblick. Diese Vorgänge durch Übungen wecken, ihr Kommen voraussagen, den Schüler rechtzeitig lehren, wie er sie auswirke, durchlebe, überschreite, war des mystischen Führers Mission.

Geistnamen, Vorzeichen, Zustände, alles war eng christlich an Symbol und Diktion. Ging in den Sielen der Apokalypse.

Die kleine Gemeinde hatte sich hermetisch rein zu erhalten gewußt vor dem alles wissenden Schnüffel des Zeitgeistes. Da gab’s kein Dranhinriechen, kein Hinterbein zu flüchtiger chemischer Analyse dranheben, so einfach zwischendurch, im Galopp von Prellstein zu Prellstein.

In den vierzig Jahren seiner gemeinsamen Bahn hatte das innere Doppelgestirn kaum acht bis zehn Trabanten aufgenommen in seinen Wandel. Als Ersten Gabriel Gruners toten Vater: den Organisten. Ein alter Stich zeigte ihn von jenem grobkörnigen und süßstarrsinnigen Schlag, der als Herrnhuter, böhmische Brüder, Rosenkreuzer, Albingenser, Europa von je seine bockbeinige Elite gegeben.