Sibyl hatte das magische Doppelwesen noch nicht zu Gesicht bekommen, wußte nicht einmal seinen Ort, war Jüngerin durch Gabriels Mittlerschaft allein. Ungeheure Abweisung wehrte von vornherein jeder Frage, noch ehe eigener Takt sie verbot.
Ab und zu tropfte Einer aus dem geheimen Kreis herein, verwirrte sich ob ihrer Erscheinung, noch mehr als er entdeckte, wo sie schon hielt oder man fuhr plötzlich fünfzehn Stunden an einen ganz obskuren Ort, traf die Brüder einen Abend lang — fuhr wieder auseinander. Dabei wurde kaum gesprochen, das lagerte um den Tisch eines beliebigen Kaffeehauses, kühl und schwer wie Schlangen und verdaute Seele. Alle hatten etwas lind Versinkendes: Schiffe mit zu viel Tiefgang, schon die kleinste Welle überspülte sie. Dann wieder fing einer was an: eine Fabrik, ein Studium, eine Kunst. Nie wurde was Rechtes draus. Von Fehlschlag zu Fehlschlag nickten sie einander saturiert mit steinharter Genugtuung zu. Hatten ein Lächeln des Ekels für siegreich Unbeschwertes. Immer hing aller Mißerfolg mit dem „inneren“ Wort zusammen. Statt nun praktische Ziele ganz zu lassen, bohrten sie doch immer wieder weiter, halbherzig und sauer ahndevoll.
Gabriel Gruner war Quartalsasket.
Sein Geistname Matthias, als welcher nachträglich den Aposteln zugeordnet, mit ihnen ausgestreut ward in die Welt, gab symbolisch Veranlassung genug, sich plötzlich in Geselligkeit zu stürzen, die Geselligkeit ihrer Geburtsstadt noch obendrein. Gerade hier war es ihm gewiesen zu wohnen. Ganz in die Nähe zogen sie aufs Land. Blinkende und kleinliche Sachen trug er ins Nest.
Daran nahm sie kein Teil. Alles oder nichts. Entweder Herzog oder Anachoret. Mayfair oder die Wüste Gobi. Zu Palast oder Steinhöhle konnte sie „Heim“ sagen — zu einer Sommerwohnung nie.
Doch war das alles nicht leer und gleich? Hatte sie, Sibyl, sich nicht Gott vorgenommen mit Überspringung aller Zwischenstufen?
Sah sich manchmal ameisenklein, hierhin, dorthin rennen, in Vorortzüge krabbeln, und stieg dabei, inwendig riesengroß, in einen tiefen Bronnen, sah über sein erlöstes Rund noch einmal zurück nach dem fremden Flohzeug: sie selbst, das vielleicht gerade um seinen Platz rang, in der rollenden Streichholzschachtel auf ihrem steifen Stahl-Faden zum Spinnennetz Stadt. Was das Ameisige dort Klägliches trieb, war belanglos. Ihr Körper hob sich indes wie ein Gefäß wieder aus der Fülle des inneren Bronnens, und als solches blieb sein Umriß ihr teuer wie nur je.
Als ein Kind die mondweiße Mulde zwischen den Barsoiflanken beulig zu heben begann, nahm sie selbst stets genau soviel ab, als die Frucht schwoll, sog die feinen, harten Sehnen straff ein, ohne Erlahmen, von Willen übergossen.
„O das kommt schon von selbst wieder in Ordnung,“ sagten überlegene Mütter, bei denen es offensichtlich doch nicht wieder in Ordnung gekommen.
Von Monat zu Monat hoben sich zudringliche Lorgnons höher in der gestielten Erwartung: endlich, endlich „normal“.