„Als erste Frau. Du wirst erwartet. Jetzt hebt erst unsere wahre Hochzeit an, denn nichts kann uns mehr trennen.“
Immer noch, seit dem ersten Tag, ging sie mit Gabriel die inneren Gänge ihrer Verbundenheit. Bisher war er Mittler gewesen für die Weisungen des Zwiegeschöpfs an sie. Nun sollte endlich ein wichtiger geistiger Vorgang dem Stadium der Reife sehr nahe sein, sich auch von innen her in einem Zeichen körperlicher Art auswirken: als Meilenstein am Weg. So war es angesagt worden.
Noch am Abend wollte Sibyl reisen, taumelte vor Erregung wie im Traume durch den Tag. Es flimmerte ihr so vor dem Herzen, daß sie sogar von der Leiter glitt. Kam da auf der Jagd nach einem Koffer eine uralte Tasche aus des toten Organisten Nachlaß vom Bord herunter, traf ihre Schulter, sie verlor das Gleichgewicht und stürzte, gerade mit dem Handgelenk, auf ein seltsam graviertes Petschaft, das aus der verblichenen Tasche gerollt war. Der scharfe Steinschnitt grub in ihr Fleisch ein weinrotes Mal. Rasch wand sie ihr Taschentuch darum. Gut, daß Gabriel nicht dabei gewesen, er liebte nicht Gegenstände seines Vaters profan ins Licht gestreut. Nun, es war ja nichts Böses geschehen, die kleine Quetschung gewiß in einer Woche vergessen und heil.
Am zweiten Abend kam Scheible in den Geist. Saß halbstarr auf dem Strohsessel seiner dämmrigen Werkstatt — ferne schwebten die schönen Augen mit den Greisenringen in dem kleinen Gesicht. Knotige Hände, im Gegensatz zum blutlosen Schädel, mahagonibraun, lagen mit ihren eingewachsenen Rillen Pechs im grünen Schusterschurz. An der Wand, breit wie ein Baß, ragte Radinger mit seinen Holzschnittschultern. Gleich einem Block füllte Ruhe den Raum, bis auf des Schreiners unaufhörlich zitternden Kopf. Die südlich fremden Mandelaugen lagen geschlossen darin und man ahnte sie hinter den Lidern nach oben gebrochen wie einer empfangenden Frau. Der Mund war leer und wartete.
Sibyl saß auf der Ofenbank, sah Scheible ins träumende Auge. Zuweilen spannte und erweiterte sich die Greisenpupille, dann begann es aus Radinger zu murmeln, biblisch Klagendes oder Verzücktes, das sie nur vag verstand, ihr auch nicht galt. Etwa nach einer Stunde stützte sie den Ellenbogen aufs Knie, den müden Kopf in die Hand. Der Ärmel glitt zurück. Das Aufwachsen ihres lichten Armes ins Dunkle mochte Scheibles schwebenden Blick gefangen haben. Er sprang über, blieb wie ein Bläuling, ehe er sich auf eine Blume niederläßt, über dem Blutmal an Sibyls Gelenk in der Luft stehen, dann sog er sich langsam dran fest, und Freude brach aus Radingers dunkelgerundetem Munde: das Doppelwesen sprach die Quetschung an als das erwartete Zeichen. Sprach mit ihr von Dingen, die sie nun wissen sollte und nicht wußte, da doch das innere Leben zu dem Male fehlte.
Langsam kroch die grauenhafte Entdeckung sie an, vereiste ihre Haarwurzeln:
Das „innere Wort“ hatte geirrt. Wo Irren nicht möglich sein durfte, oder es sank herab zu — — Hysterie.
War das Doppelwesen auseinandergefallen, ganz gleich was dann zwei knorrig liebe, kreuzbrave, tiefgläubige und gütige Handwerker, ganz gleich, was sie da: Wachblinde, zu wissen vermeinten — doch als innerer Doppelstern! Hier Täuschung und der ganze Weg war falsch oder konnte falsch sein. Sie wartete in Todesangst, wie ein Verurteilter auf Gnade. Nichts Erlösendes kam. Das Murmeln hörte langsam auf. Starre wich von Scheible, von Radinger das Wort.
Im elenden kleinen Gastzimmer der Dorfherberge starrte sie vernichtet auf die leicht verschwimmende blaurote Stelle an ihrem silbrigen Arm.
Zwei Möglichkeiten gab es: Diese Quetschung glich äußerlich, sei es durch Zufall, sei es, weil die Sigille des alten Gruner wirklich jenes Zeichen darstellen sollte, dem wahren Mal, dann war der Irrtum für ihr Vertrauen tödlich, denn der Führer hatte mit innerem Gesicht das Wachstum ihrer Seele zu sehen: das Mal von innen an ihr zu sehen, nie durfte äußerer Stoß in die Haut ihn täuschen. Oder: und es war die letzte Hoffnung: das Zwiegeschöpf hatte tiefer in ihr gelesen, als sie selbst noch wußte. Das Zeichen war schon auf dem Wege sich zu bilden, die innere Knospe nur noch nicht ins Bewußtsein aufgesprungen. Nichts als eine leichte Verschiebung in der Zeit hatte stattgefunden und durfte es, denn das Geistwesen „sieht die Zeit wie durch ein Rohr: alles auf einem Haufen!“