Wem es gefiel, mochte der in freier Liebe leben, natürliche Kinder Unnatürlichen vorziehen. Nie hatte sie den Beziehungen der beiden nachgeforscht. Aber es ging nicht, der früheren Bediensteten im elterlichen Haus einen Scheinmann, seinem eignen Kind einen fremden Vater zu kaufen: einen verhungerten kleinen Beamteten, der es billig tat und Edler von Walden hieß. Es ging nicht, diese Frau dann — sie hieß Leopoldine Sedlaček — nach vertuschenden Reisen, mit vertuschtem Dialekt, vertuschter Schrift, unecht-wahr, als „Lady“ Tatjana de Walden einer Dame ins Haus zu schicken. Diese Fakten waren aus der Gerichtssaalnotiz einer Provinzzeitung ersichtlich — mit Rotstift gerahmt, ihr zugeschickt — denn der kleine Beamtete klagte endlich auf Zahlung der bedungenen Heiratssumme, ein paar Tausende im Ganzen. Man hatte ihn auch noch bei dem Handel zu übervorteilen gesucht, seinen Anspruch juristisch bestritten, weil solch ein Vertrag gegen die „guten Sitten“ verstoße. Den schönen Namen aber war die Dame andererseits nicht mehr herzugeben gewillt.
Sibyl verschwieg ihr Wissen, aus Scham für beide. Auch hätte er, sofort Edelanarchist und nur auf das Wesenhafte eingestellt, befremdet aufgeschaut:
„Das ist doch alles nur äußerlich.“
Schließlich: Jemandem die Brieftasche ziehen, war dann auch nur „äußerlich“, stak sie in der äußeren Rocktasche.
Ein edler Schwätzerkniff.
Sie zögerte tief — schloß dann die Augen in der nächtlichen Fieberkurve der Sehnsucht, ließ die geliebten dunkelsaugenden Strahlen über sich ein. Und alles war wieder gut.
Da drohte er mit — Heirat. Stellte ihr ein befristetes Ultimatum von drei Wochen. Jetzt solle sie sehen — jedes junge Mädchen könne er haben bis dahin. War es erwachende Reaktions-Prüflust des Vivisektors?
„Es gebe auch Leute, die man peitschen müsse, um sie zum Reagieren zu bringen,“ ließ er sagen.
Sibyl wurde zu Eis und Honig — wünschte viel Glück. Poldi Tatjana, die arme Hörige, irrte mit Botschaft zwischen ihnen hin und her, widerrief Drohungen, die sie tags zuvor gestammelt:
Nur kein Mißverstehen: da sie noch zögere, sei der Plan einer Zwischenheirat aufgetaucht, gerade ihretwillen, ihr Außerordentliches zu bieten. Der alte Leiser habe dem Sohn das halbe Vermögen — sofort zahlbar — als Prämie gesetzt für eine ihm genehme Ehe. Ralph war nicht mehr so jung, wie die eigenwillige Bronze seines Körpers es wahrhaben wollte, schon den zäheren Vierzig nah. Also Scheinehe, Scheidung, die junge Dame erhielt Freiheit und Mitgift zurück und man war unabhängig im größten Stil; die ersten Jahre sollten ja ein unaufhörliches Fest sein, ein goldenes Gewitter, eine Lebenserhöhung, wie sie wenig Sterblichen vergönnt.