Dann nahmen sie die Diademgestirnte in ihre Mitte — Schwertlilien ihrer Schenkel spielten dahin — führten sie dem Hause zu: den Bäderhallen des Erdgeschosses, den Ruheräumen. Nur in die samtnen Wände führten sie auch diese nicht. Keinen von all den heißen Knaben- und Frauenkörpern, die durch ihre Arme gingen und die sie erkannten: im einzigen Sinn, da Erkenntnis zwischen Sterblichen für einen Augenblick möglich ist oder — scheint.

Kamen oft in dieser Zeit zu Ganapati Sastriar: dem Märchenerzähler. Immer wieder gut, wie im Schatten der Weltesche, ruhte sich’s in seiner machtvoll-breiten Unzüchtigkeit.

Hockend am Fuß seiner Träume, erzählte er. Verkaufte Früchte dazwischen. Aß, was er nicht verkaufte, selber. Lebte doppelt: vom Erlös und Nicht-Erlös zugleich. War so dick, weil er immer im Schatten saß. Kein Sonnenstrahl durfte ihm das Fruchtfleisch der Bananen wieder aus den Poren ziehen. Schien aus einem süßen, prallen Stoff gemacht. Manchmal blieb ein kleines, nacktes Kind stehen, steckte den Finger an ihn, meinend, er schwitze Zuckerharz gleich einer Palme; klimperte dann enttäuscht mit seinem Aramudhi, dem Lendenamulett, zwischen den Beinen davon. War Ganapatis Mehlsack: die Brotfrucht, weg — der Mango auch —, nicht die dünnste Ananas für ihn übrig geblieben, pries sein Mund jene asketischen Bräuche, vor deren Macht alle Götter zittern, dann sprühten aus seinem Schlund ungeheuerliche Kasteiungen der Sadhus, wie Kraft aus einem Krater, bis die drei Reiche erbebten vor seinem Mangel an Obst ... Oder seine Lippen funkelten von Dhruva, dem Polarstern:

„Der König Uttanapada hatte zwei Frauen, von jeder einen Sohn. Einst saß der König auf dem Throne, auf seinem einen Knie das Kind der Lieblingskönigin Suruchi. Das sah Dhruva, sein zweites Kind, und voll Sehnsucht nach gleicher Zärtlichkeit, versuchte es des Königs andres Knie zu erklettern. Doch die Lieblingsfrau wies es mit höhnischen Worten zurück. Scham schlug in sein kleines Herz gleich dem einsilbigen Blitz, stumm ging es hinaus, hielt die Tröstungen seiner Mutter von sich ab und sprach in seiner großen Empörung:

‚Ich will aus mir selbst so hohen Rang erreichen, daß des Königs Thron und sein Knie und auf seinem Knie mein Bruder Uttama tief unter mir liegen sollen, und das für immer, nur erreichbar ihrem Gebet; ob ich gleich nicht von Suruchi, der Lieblingsfrau, geboren bin, sondern von dir, und du, meine Mutter, sollst meine Herrlichkeit schauen.‘

Dann ging dieses Kind von fünf Jahren aus der Stadt bis in den Dschungl. Dort saßen sieben Munis auf schwarzen Antilopenfellen; von ihnen erbat es Rat.

‚Prinz, die Kraft deines Willens ist über uns,‘ sprachen sie und neigten sich ihm. ‚Wir müssen dir den Weg zum Ziele zeigen: er ist in dir. Tue alle äußeren Eindrücke, tue Sonne, Mond und Sterne von dir ab, tue den jungen Frühling aus deinem Herzen, die äsenden Antilopen aus deinen Augen, die süßen Gräser von deinen Lippen, die singenden Erze von deinen Ohren. Lösche alles aus und für immer. Die furchtbare Leere aber lege um dich wie einen Gürtel, bis du entworden. Dann versenke dich in das Eine Tag und Nacht: das „Seiende“, in dem die Welt ist. Presse dein Bewußtsein des „Seienden“ hinab, bis wo am Grund der Wirbelsäule, dreieckig zusammengerollt, Kundalini wartet: die schlummernde Gottkraft in allen Wesen. Auf sie laß die nach innen gedrehten Sinne wie ein Brennglas glühen, versenkt jetzt alle in das Eine, das „Seiende“, bis Kundalini sich aufzurollen beginnt und durch die Wirbelsäule steigt und steigt ... Hat sie endlich den tausendblättrigen Lotos im Haupt berührt, so zwingst du das Seiende, du selbst zu sein, aus ihm heraus aufs neue zu werden, was immer du willst. A. U. M.‘

Dhruva zog sich an die Ufer des Jumna zurück, tat, wie ihm die Munis geheißen. Tag und Nacht, ohne Nahrung, ohne Schlaf vibrierte sein ungeheurer Wille einwärts gewandt in ihm, erweckte Kundalini, verwandelnd seinen Leib, daß er durchsichtig ward wie ein Schatten und Vishnu zwang, in ihm offenbar zu werden. Als aber das geschah, ward er auf einmal so schwer, daß die Erde das Gewicht des winzigen Asketenschattens nicht mehr zu tragen vermochte.

Verstört suchten die unteren Götter auf jegliche Art Dhruva aus seinen Devotionen zu reißen. Umsonst. Da flehten sie zu Vishnu um Hilfe:

‚O Vasudeva,‘ klagten sie, ‚wie der Mond Tag um Tag an seiner Scheibe wächst, so wächst dieses unbezwingliche Kind, kraft seines Willens, in übermenschliche Macht hinein. Wir wissen nicht, wonach er strebt: ist es der Thron Indras, die Herrschaft der Sonne, oder sind es die Schätze der Tiefe, die ihn reizen. Erbarme dich, Herr, nimm den Alp von uns, mache, daß der Sohn des Uttanapada abläßt von seinem Tun.‘ Da stieg Vishnu in Person herab, mit Dhruva zu verhandeln und gewährte des Asketenkindes Wunsch: für immer so hoch zu stehen, daß nur Gebete ihn erreichen, indem er Dhruva zum Polarstern des sichtbaren Universums erhob.“