Manchmal wieder ward Ganapati Sastriar flammicht ritterlich in seinen Fasten, erzählte den strahlenden Haß der Prinzessin Amva von Benares:
„Um Bhishma zu vernichten, hatte sich die holde Tochter des Königs von Kaçi jahrelang den furchtbarsten Kasteiungen unterworfen, bis ihre Macht groß genug geworden, um dem Gott Mahadeva das Versprechen abzuzwingen: nach ihrem Tode solle sie ungesäumt als Krieger wiedergeboren werden, der den unbesiegbaren Bhishma schlüge. Mit dem Wort des Gottes ging die Lotosfüßige an die Ufer des Yamuna, häufte und entzündete einen Holzstoß, bestieg ihn sodann im Angesicht aller großen Rishis mit dem Ruf: ‚Zu Bhishmas Vernichtung‘.
Doch die Flammen bogen rundum aus vor ihr, daß sie unversehrt im feurigen Kelche stand, und es kräuselten sich die Lippen des Rauches und sprachen: ‚Oh, Lotosfüßige, wir wollen so Holdes nicht vernichten.‘
Da ließ die Prinzessin den reinen Haß aus ihrem Herzen flammen, entzündete eins ihrer Glieder nach dem andern an ihm und verbrannte aschelos wie ein Diamant. Stürzte ungesäumt ihre Seele in den härtesten Schoß, tauchte aus ihm als junger Kriegsheld, unter dessen gnadelosen Händen der sterbende Bhishma noch einmal in das Auge der Amva von Benares sah.“
Keine Scheibe der Horcher heute. Sie waren enttäuscht. Dann getröstet: „Oh, er macht ‚neti Karm‘, da wird abends seine Nase neu sein und seine Kehle freundlich.“ — Aus jedem Nasenloch hing dem Märchenerzähler ein gedrehtes Seil von ungesponnener Baumwolle; die andern gewachsten Enden, innen bis zur Nasenwurzel hinauf und hintüber durch den Rachen gezogen, kamen wieder beim Mund heraus. Wie Zügel hielt er alle vier in Fäusten, zog sie ab und auf, her und hin. Stunden dauerte die Reinigung.
Abends erzählte er wieder, um ihn die Scheibe der Horcher wie das Blatt um den Lotos: „Die Episode der tausend Jahre“:
„Unübersehbare Zeiträume schon hatte die Rivalenschaft in der Askese zwischen dem Kshatriyakönig Vismavitra und dem Brahmanen Vasishta gewährt. Schließlich hatte der furchtbare Kshatriya elf unerhörten Kasteiungen durch elf Jahrtausende obgelegen, aber immer noch hatte er die Brahmanenschaft, deren er zum Endsieg über Vasishta bedurfte, nicht zu erringen vermocht, seine Macht aber war bereits ins Unermeßliche gewachsen. So beschloß er, seinem Gegner wenigstens zum Tort, einen gewissen Trisanka, den die Priesterschaft in Bann getan, wie er da war in seinem menschlichen Fleische, unter die Himmlischen zu erheben.
Diese verweigerten seine Aufnahme. Da drohte Vismavitra in seiner Wut einen zweiten Indra zu machen — oder die Welt ganz ohne Indra zu lassen — ja, er begann bereits vor den erstaunten Göttern neue Gestirne und Sternkonstellationen aus sich herauszuschleudern. Da gaben die Entsetzten nach. Doch immer noch nicht zufrieden, kehrte der unermüdliche König auf den Himalaya zurück, um in der Triebkraft seiner furchtbaren Devotionen fortzufahren. Da erkannte Brahma, so könne das unmöglich weiter gehen, und er sandte nach Menaka, der allerbesten seiner Nymphen, sie möge den Meisterasketen ablenken und sein Karma zu beflecken suchen, auf daß der bedrohliche Berg seiner Verdienste dahinschmelze in Lust. Menaka erbat hundert Jahre Frist, um noch schöner zu werden, denn ob sie gleich allen ohne Fehl dünkte, erwuchs ihr eben aus der eignen Vollendung auch wieder um so höheres Wissen um neue Vollkommenheit.
Als die Goldgliedrige — endlich mit sich selbst zufrieden — vor Vismavitra erschien, verließ er sogleich alles, um mit ihr der sechsundsiebzig Arten des Liebesgenusses zu pflegen. Bald war ihre Liebe die des Hengstes mit der Gazelle: jene die Sehnen der Knie von rückwärts im Sprung Genießende. Oder es war die Bespringende des Löwen — die des Marders mit der Schlange — auch die der Schlingranken, Vögel und Dämonen. Doch niemals des Hasen mit der Elefantenkuh, weil diese Art der Liebe unter allen Umständen zu vermeiden ist.“
An dieser Stelle legte sich Ganapati Sastriar breit in die Sielen der Erzählung. Er hatte ausschweifende Gebilde aus elastisch dehnbarem oder auch herb stoßkräftigem Stoff ersonnen — nur spannenlange Zauberwesen, mit denen er die Vorgänge zwischen der Nymphe und dem König zu erläutern pflegte. Doch ließ er sie dazwischen oft lange ruhen, um von den wunderbaren Gesprächen der beiden zwischen der Liebe zu berichten. Denn ist eine Frau weise, dann schmeckt ihre Weisheit süßer als die Brahmas, weil der Speise ihrer Weisheit noch die entflammende Drogue „Anmut“ beigemengt ist. Das wußte auch der große Sankara Acharya, denn er unterbrach eigens einmal seine Inkarnation, um auf kurze Zeit den toten Körper des Königs Amru zu bewohnen und solchermaßen vorübergehend der Königswitwe Gatte zu werden, damit er in den Stand gesetzt würde, aus eigner Erfahrung mit Madana, der Frau eines Brahmanen, Zwiesprache auch über Liebesdinge pflegen zu können, dem einzigen Wesen, das er an weiser Rede nie zu besiegen vermocht.