Ein bitteres Schreiben flog ihr in die Berge nach. „Geld“, als Wort, kam natürlich nicht vor. Er umschrieb es:
„Dein Benehmen gegen mich verschlechtert sich rapid. Du hältst Abmachungen nicht und bringst mich dadurch in peinliche Abhängigkeit. Hättest Du Deine Zusicherung aus irgendeinem Grund nicht halten können, es spielte gar keine Rolle, was wäre Finanzielles zwischen uns, nur in der Nicht-Mitteilung erblicke ich eine äußerst verletzende Geringschätzung meiner Person, um so weniger erträglich an jemandem, den man so sehr um guten Benehmens willen liebt, die ganze Natur hat sich da gleichsam so ‚gut benommen‘. Und all das — mir, der ich Dir eine Liebe entgegenbringe, wie sie nur noch im Märchen vorkommt.“
Ihn an die vergessenen Zinsen gemahnen: den wahren Grund des Aufschubs — niemals. So schickte sie zwar sofort die ganze Summe, doch kommentarlos, nahm lieber den Schein der Rücksichtslosigkeit auf sich, sein Gentlemantum zu schonen.
Wäre nur die erdenschwere Pein der nächsten Monate schon vorbei. Wie würde der Ästhet Entstellung ertragen? Was anderen fast verborgen, war für sein an Vollendung verwöhntes Auge bereits degoutant. Nie durfte der Vater Herschsohn nach Genua kommen, alte Leute duldete er nicht um sich, sein Kind mit Tatjana wuchs in Instituten auf, weil es unschön ausgefallen war. Das leichteste Unwohlsein schon galt als Schande. Welcher Jammer, als sie einmal die Spitze eines Fingernagels brach. Andern Tags kam er halb scherzend mit einem Formular von Lloyds angelaufen: „Wie Paderewski jeden Finger, so laß ich jetzt jeden deiner Fingernägel versichern.“
Oben kritzelte er etwas mit Bleistift, unten mußte sie wahrhaftig mit Tinte unterschreiben.
Man fuhr nach Carrara, nach San Gimignano, nach Ravenna, man fuhr, man fuhr ... Endlich war selbst er, der Unermüdliche, müde und die Zeit ihres freiwilligen Exils von seinem — ihrem Heim zu Ende.
Nur mehr wenige Wochen dort, als sein Gast, ein „gravider Gast“ allerdings, dann: Dame des Hauses. Alles Falsche, Schiefe, der Kaste unwert, war überwunden.
Endlich ein Heim haben. Sie fühlte, wie sich Tränen in ihr erzeugten, während der staubige, kleine Waggon gegen Padua holperte. In ihrem Schoß lag der dunkelhäutige Greifenkopf, den sie betreuen durfte, in tiefem Schlaf. Götterfrei weidete ihr Auge auf ihm in befiederter Erwartung eines namenlosen Glücks. In einem dichten Lichte schwamm ihr Herz. Ergriffen sah sie auf. Da, gleichsam geformt aus diesem Glück, zogen vor dem großen Glaswagen zwei wundervolle Menschenangesichte langsam und lautlos an ihr vorbei, wie eine ungeheure Erweiterung der eigenen Seele.
Die Versuchstiere waren fort aus der alten Landvilla, als sie ankamen. Wie lieb. Sie dankte ihm.
„Ich sagte dir ja vor Jahren schon, eine Zeit käme, wo ich das Tierexperiment zeitweise entbehren könnte.“