„Was wollen Sie?“ frug der Alte.

Sibyl saß mit Blut übergossen da.

„Haben Sie nicht sogar Vermögen bei der Sache zugesetzt?“ Er schüttelte den Kopf. „Vor allem heißt es schauen, das irgendwie herauszukriegen.“

Sie beschwor ihn, nichts davon zu erwähnen. Welch ein Niveau!

„Mag er es behalten! Auch nichts von seinem Geld oder seiner Person will ich, das er mir nicht aus freien Stücken bietet, aber ich verlange Eines als mein Recht: die meiner Kaste gebührende Form. Man kann jemanden auffordern, gemeinsam eine Reise dritter Klasse zu machen. Gut — dann weiß er es im voraus, kann mitfahren oder wegbleiben. Nicht aber geht es, jemanden in den Salonwagen zu laden, um ihn dann, ist der Zug in voller Fahrt, nachträglich in den Viehwagen zu stoßen. Ich verlange eine Scheinehe mit sofortiger Scheidung. Ist das Soziale erst in Ordnung, kann alles Menschliche wieder anheben oder zu Ende sein. Nach der Scheidung stehen wir aufs neue frei, ‚herrlich wie am ersten Tag‘ einander gegenüber.“

„Nebbich,“ sagte der Alte und begann eine Art Schlangentanz um seine Klientin zu vollführen.

„ Ich sag’ Ihnen: Heirat um jeden Preis, welche Bedingungen die Gegenseite immer stellen mag, sonst verlieren Sie Ihre kleine Tochter — völlig, wegen der Klausel vom ‚makellosen Wandel‘. Kommt die Geschichte mit dem unehelichen Kinde heraus, hat ihr früherer Gatte das Gesetz für sich — ich höre, er wartet nur darauf. Also Achtung.“

Sie verließ ihr Hotelzimmer kaum mehr, ging erst in der Dunkelheit, Luft zu schöpfen, so sehr war ihr die neue Schmach ins Mark gefahren. Nur jetzt niemandem begegnen, mit niemandem sprechen müssen. Eines Tages schrillte das Telephon: Dr. Lederer erwarte beide Parteien in der Kanzlei um vier.

Nein, nein, erst morgen, noch eine Gnadenfrist! Jetzt war es Mittag. Schon um vier! Sie stand wie eine Gerichtete. Weinen wallte auf. Mit einem Schwung des Körpers warf sie sich flach auf den Rücken, daß ja nicht Tränen in die Augen stiegen, das Weiße trübend. Lag dann still und wartete. Kannte die geheimnisvolle Transfiguration durch die erregenden Ströme der Erwartung, wußte, wie sich Haut, Aug’, Duft, Haar wandelten, sich bereiteten; die letzten Stunden vor jeder Begegnung etwas Blumenhaftes, Durchscheinendes bekamen, das für ihn sich erschuf und mit ihm ging.

Aber was anziehen? Jede Modelinie war scheußlich oder entzückend, je nach der freiwilligen Einstellung auf sie, und in zeitlosem Gewand erschien man nicht in Advokaturskanzleien. Dieses Wetter dazu: einmal Regen, einmal Sonne — immer Sturm. Endlich schien wirklich nichts mehr auszusetzen, und völlig erschöpft, noch schwach von der Operation, ließ sich die Überreizte in einen Stuhl sinken, aufs Bett wagte sie nicht, des Hutes wegen, und fürchtete sich so, und wollte nicht fort, in das Lauernde hinaus. Doch auch hier im Sessel, mitsamt dem Sessel, zerrte sie ja die Zeit ebenso stetig und unerbittlich dem Schicksalsaugenblick entgegen.