Wie gut, daß die Kanzlei im dritten Stock lag. Jetzt noch zwei Treppen Gnade. Eine. Jetzt noch Stufen. Anläuten. Woher kannte sie dieses grüne Eis im Rücken so genau? Von der Abbitte im Tanzinstitut Wokurka-Crombée. Schon einmal durchlitten, also. Irgendwie wurde es viel leichter dadurch. Aus Dr. Lederers Privatzimmer kamen Stimmen — die seine. Sie lehnte den Kopf an die Tür. Einen Augenblick war alles Harmonie, Klarheit, Süße. Leuchtend trat sie ein, ganz Sicherheit und Anmut. Die Herren sprangen auf, man wurde also doch noch als Dame behandelt. Sie hatte noch so gar keine Erfahrung im Deklassiertsein. In einem Augenblick hatte er ihre Erscheinung ganz überschaut; wohin er auf sie blickte, war’s, als würden köstliche Früchte gestreut. Die Luft um ihn zitterte wie über einer Flamme. Dann senkte er die Lider, die sich wölbten von gesammeltem Triumph.

Gleich zwei Advokaten hatte er sich mitgebracht. Außer dem süßflüssigen Dr. Kosches einen, der aussah, als sei er wieder aus Amerika zurückgekommen. Ein gerupfter Nackthalsgeier, Norman Bleiweiß mit Namen.

Es ergab sich, daß alles ein Mißverständnis gewesen und er, Ralph Herson, den Eindruck habe gewinnen müssen, genarrt und verlassen worden zu sein, nachdem er sich in exorbitante Ausgaben für das künftige Heim gestürzt. Als milder Psychiater sehe er zwar manche Entschuldigung, das Vertrauen aber — ja, das müsse erst wieder verdient werden. Die bedingungslose Abtretung seines Kindes sei er gern bereit als erstes Zeichen beginnender Einsicht gelten zu lassen.

Sie saß zurückgelehnt und schwieg. Jetzt schoß ihr feurige Scham durch die Haut: Dr. Lederer hatte das Wort Heirat fallen lassen. Oh, in ein Mauseloch kriechen, noch lieber in seine Arme kriechen und ihn anflehen: „Schau, ohne dich kann ich schwer leben, ohne Selbstachtung aber doch gar nicht — mach’ ein Ende; keine Verhandlungen mehr.“ Und es fiel ihr ein, daß sie noch nie im Leben, an einer Schulter gelöst, hatte ruhen dürfen — in ihm ließ sich nie ruhen, so wenig wie in Gabriel.

Da kam seine verschlagene Stimme und log:

„Ich will nicht lügen. Erst Ehe, dann Scheidung aus ‚unüberwindlicher Abneigung‘ — aber ich scheine doch — ganz im Gegenteil — eine unüberwindliche Neigung für Frau Sibyl zu haben.“

Und streichelte lange ihren Namen und ließ ihn nur ungern.

Um eines Wortspiels willen sollte sie also für ihr Leben deklassiert bleiben. Als ob er nicht um ihre verzweifelte Situation wüßte. Welcher Hohn! Und weiter:

Ihm läge es ob, die Dame vor einer Mesalliance zu bewahren, und das sei die Eheschließung mit ihm: einem Juden, offenbar in ihren Augen, da sie dieselbe doch absichtlich verhindert habe, als er ihr den Ehekontrakt zur Unterschrift gereicht.

Sie saß ganz still, gesenkten Hauptes, trank seinen Umriß ohne hinzusehen und jede Pore schrie: