„Weiß er denn nicht: man ist eine Frau, man geht fort, weil einem das Fortgehen die Seele bricht und man bleiben will, und man ist eine Säule Stolz, weil man zerbrochen sein will, man zürnt, weil man lieb sein will, man leidet Jammer, Haß, Qual, weil man noch mehr geküßt sein will; noch besser gehalten, in noch härteren, lieberen Armen. Fester. Und spüren, tief in die Nüstern einziehen das, wo man hingehört. Er aber läßt es geschehen, daß meine gerechte Empörung mich wegträgt von ihm, und braucht nur einen Schritt zu machen und alle Stacheln schließen sich, und mein Herz ist eine wilde Rose der Lust und will nichts sein, als Haut unter seiner Hand. Er aber tut, als wäre Haß Haß und glaubt mir — der Heuchler. Doch lieber sterben, als es ihm sagen und die heiligen Spielregeln der Liebe brechen. Das ist das unbestechliche Erz an mir, denn ich bin eine Frau.“
Jetzt hörte sie seine kühle Infamie ganz zu Dr. Lederer sich wenden, vertraulich, als wären die Herren unter sich:
„Ich bin, wie Sie sich denken können, schon öfter in ähnlicher Situation gewesen, nun, da pflege ich mich jedesmal von den Damen einfach auf Alimente verklagen zu lassen und der Fall ist für mich erledigt.“
Da sie aufspringen wollte zur Tür, kamen schon seine dämpfenden Arme, wie eines Dirigenten, sein flehendes Lächeln über sie, als sei diese ganze Kanzlei doch lediglich eine Liebhaberbühne, auf der die Heldin so obenhin, von Pausen und höfischen Scherzen unterbrochen, gerade eine Griseldisrolle probte. Die Geste erinnerte auch, daß sie dabei durch edle Haltung des Zuschauers Schönheitsgefühl zu befriedigen habe. Ja, er verlangte unbedingt Anmut während der Vivisektion, alles, was eben ein Kaninchen doch nicht zu bieten imstande war. „Charmion, Charmion,“ sagte sie sich, wie man ein Pferd abklopft.
Die „Verhandlungen“ zogen sich durch Wochen ohne Resultat hin. Seine Advokaten brauten einen zählebigen Brei von Mißverständnissen, in den sie immer wieder zurückgestoßen wurde vom klaren Ufer der Tatsachen. Und hätte man ernstlich verhandelt, jede menschliche Beziehung wäre ja dann zu Ende gewesen, so mußte es schon deshalb vages Gerede bleiben: Schmollerei zwischen Verliebten, die ihre Stelldicheine aus fragwürdiger Laune in Advokaturskanzleien verlegt hatten. Für Sibyl ein kostspieliger Treffpunkt, diese stundenlangen Sitzungen, bei denen sie selbst nur ab und zu erschien, nicht für Ralph Herson, denn es ergab sich, daß er den beiden Anwälten ein jährliches Pauschale zur Ordnung all seiner Angelegenheiten seit langem ausgesetzt. Norman Bleiweiß war für Bilanz und Steuersachen, der süßflüssige Dr. Kosches fürs Private.
Und nie ließ er sie zur Überlegenheit der Verzweiflung kommen, trieb sie immer wieder in schwächende Hoffnung, und auch so sehr war dies in ihr, dies zu höchst Menschliche: dies Über-Allem-Stehen, daß sie auf Augenblicke sogar hinüberlächeln konnte, zu seinem genießenden Skalpell.
Endlich eines Tages sah Sibyl die Erlösung knapp vor sich und schlich ihr nach. Da war ein entfernter Vetter Ralph Hersons, Winkeladvokat und völlig deklassiert. Hatte eine ähnliche Art um Augen und Lippen, wenn ihm was gefiel, nur wie mit ranzigem Schmalz übergossen. Der sollte die Marter der Verzauberung brechen helfen. Sibyl, in einem alten Regenmantel versteckt, kroch um Straßenecken hinterdrein zur schmierigen Spelunke, wo er verkehrte. Sah stundenlang in leidender Schadenfreude zu, wie das entgötterte Abbild des andern, gütig und gerissen die Kellnerin unter einspeichelnden Worten in den Arm zu kneifen versuchte, bis eines Tages eine furchtbare Entdeckung kam: der schmutzige Winkeladvokat verschönte sich, blühte in den andern hinauf, statt daß jener zu ihm zerfiele. Sie schauderte: „Mein Gott, ich bin verloren.“
Zwischendurch fuhr man spazieren, als wäre nichts geschehen. Ralph kam, holte sie ab, sonniger, inbrünstiger als je, wie beglückt, wieder sprechen zu können mit ihr. So blieb alles in der Schwebe. Sie ließ es geschehen, barg lieber das Haupt im Schoß der Ungewißheit, denn wenn eine übergroße Liebe unter infernalischen Schmerzen ausgetrieben werden soll aus den Sinnen, wo allein die große Liebe wohnt, entstehen Wehenpausen: linde Inseln aus Frieden zwischen der zerreißenden Not.
Sie lebte fast ein wenig auf, wagte sich wieder hinaus und sah in diesen milden Pausen zuweilen, wie große fremde Vögel, zwei wundervolle Menschen ihre Straße ziehen: Herr und Dame von nie gesehener Art. Zufällig immer vor ihr — die Gesichter sah sie nicht, wußte sie schon aus Halshaltung, Kopf- und Ohransatz, verlangte nicht mehr, ganz erfüllt von dem Guß des Ganges allein. Nachlaufen dürfen, zwischen sie hinein, sie überflügelnd, einen Arm um jeden legen, mitziehen, in diesen Guß des Ganges geschlossen. Wie sich das fühlen müßte: als Durklang gefügt sein, in die reine Quint der beiden?
Dann schrak sie auf. Wieder ein ganz alleines Ich unter lauter fragwürdigem Draußen, wie einst als Kind.