So kam „geflügelte Perle“ in das Haus der Elchos.

Wie jede chinesische Dame mit Dichtern und Philosophen aus drei Jahrtausenden ihrer Rasse blutvertraut, zeigte sie sich beglückt, all diese in der Bibliothek des neuen Heims wieder zu finden. Neben Übersetzungen auch in der Ursprache.

Horus und Gargi kannten nur erstere. Sie baten:

„Lehr’ uns die Kugelsprache. Doch nicht nur die hölzernen der Kulis, auch die aus Onyx und Elfenbein reihe auf für uns.“

Nun hob Jü-Chuans Vogelkehle aus jeder Silbe den inneren Lautwert, bestimmt, die Schwebungen des Herzens aufzufangen, und aus der Tusche ihres Pinsels kroch über Seide zugleich wie ein Geschöpf das Schriftbild aus, halb Raupe halb Kristall, in breiten Kurven, doch unsichtbar umeckt von solch konziser Kraft, daß sich das Leere rundum an ihm kantig stößt und wie ein Würfel steht. Nicht Urnen, Dämonen und Drachen, Chinas Plastik ist die Schrift. Erst Bild und Klang, verzweigt mit Rhythmus und Grammatik, faßt diese Sprache ganz; man muß sie sehen, um sie ganz zu hören, weil in ihr alle Künste sind und Geist geworden.

Wenn solchermaßen die seidne Vogelfee aufflog in einen tönenden Märchenbaum und aus der Krone seiner Weisheit sang, dann, nicht wie ein Gatte und Liebender nur, gern wie ein Schüler auch, wie ein Vater und Bruder, empfand Horus zu ihr.

Überaus leicht faßlich erschien Jü-Chuan, an chinesischem Maß gemessen, was die beiden andern als Tausch und Dank zu bieten hatten, doch etwas primitiv, um nicht zu sagen tölpicht auch. Nur die Chöre der griechischen Tragiker fanden Gunst vor ihrem winzigen Ohr, das als Quittenblüte am Lack der Haare saß. Nur hier war das Biegsame, das, zart und aderreich wie Geist, in unirdischen Lungen flutet, rot von Leben und stark nach Gesetz.

Gern verglichen sie die „Religion des guten Bürgers“ oder das „Tao“ mit Gotama Buddhas achtfachem Pfad und dem Vedanta.

Hier gab Jü-Chuan meist neidlos zu, daß „Sanskrita“ mit Recht „die Vollendete“ heiße, denn wo andre Zungen immer nur wieder hilflos das Wort „Seele“ vor sich hin zu stammeln vermögen, steigt hier aus tieferer Versunkenheit die Fülle.

„Es ist an dem,“ meinte Horus, „daß die Inder sich als eine lebendige Siebenfaltigkeit zu empfinden gelernt haben, an der jede Stufe fast kontinuierlich in die andre überleitet, wenn auch nur Ahnungen zu ihren drei letzten führen, mehr als Richtlinien, in denen die innere Entwicklung zu gehen hat.