Etwas befremdet sah er sie an: „Natürlich die gleichen wie beim ‚Tao‘ eures Lao-Tsu, oder dem achtfachen Pfad des Gotama Buddha: Verzicht auf Genuß des Lohnes hier und im Jenseits.“

Sie schwiegen. Dann bekam er sein glitzerndes, ganz junges Spitzbubengesicht. Neigte sich zur winzigen Quittenblüte im Lack:

„Die geflügelte Perle möchte nichts übereilen. Erst wer sich völlig ausgeliebt — ausgehaßt, ausgeglaubt — ausgezweifelt, kann den Weg des Vedanta beschreiten.“ — Dann mit einem fast väterlichen Wohlmeinen: „den Morgen seiner Inkarnationen genießen, dann als Grihasdha das Amt der Generation auf sich nehmen, erst das letzte Drittel des Lebens dem eignen ‚Brahman‘ weihen: mit Mantel und Schale in den Wald gehen, ein golden Geschlechtsloser, vollkommen Erwachter, Leidverlöschter. So befiehlt der Vedanta.“

„Befiehlt?“ — Aus dem Lotossitz, in dem sie wie ein zarter Buddha gekauert, erhob sich Gargi, die Hände im Schoß. Erhob sich aus sich selbst, wie ein wachsender Halm. Stand vor ihm. Sie hatte manchmal eine Art, vor Menschen zu stehen, das Haupt zu neigen oder ein klein wenig zu schütteln, wenn sie nicht ganz einverstanden war, mit geschlossenen Lidern, die lächelten. Um das zu sehen, widersprach er ihr bisweilen.

„Der Vedanta befiehlt nie, er belehrt nur.“ Sie zögerte. „Seine Worte sind wohl viel zu groß für meinen Mund, doch möchte ich ihren Sinn nicht meinem kleinen Zufallsausdruck überliefert sehen. Ich glaube, es heißt dort: ‚Der Vedanta befiehlt nicht, er belehrt nur: ähnlich wie bei Belehrung über eine Sache dadurch, daß man sie dem Auge nahebringt. Darum werden alle Imperative, auf die Erkenntnis des Brahman angewendet, ebenso stumpf wie ein Messer, mit dem man Steine schneiden will. Denn das ist unser Schmuck und Stolz, daß nach Erkenntnis des Brahman alles Tun-Sollen aufhört, sowie alles Getan-Haben ‘.

Wer in sein wahres Selbst einziehen will: das Seiende, Unzerstörbare, muß seine guten und bösen Taten draußen lassen.“

„Seine guten und bösen Taten draußen lassen, wie schön. Meine ältere Schwester soll weiter sprechen,“ bat Jü-Chuan.

Und Gargi fuhr fort; so einfach, als kämen ihr eigne Worte, doch in jener unnachahmlichen Haltung wie zuvor.

„Weise und ohne Falsch und frei von Begier in dem Gewoge steht er als Schauender und ohne Zweiten, er, dessen Welt das Brahman ist.

Wahrlich, dieses große, ungeborne Selbst, das ist unter den Lebensorganen jener aus Erkenntnis bestehende selbstleuchtende Geist. Hier im Herzen inwendig ist ein Raum, darin liegt er, der Herr des Weltalls — der Gebieter des Weltalls — er wird nicht höher durch gute Werke, er wird nicht geringer durch böse Werke; er ist der Herr des Weltalls, er ist der Gebieter der Wesen, er ist der Hüter der Wesen, er ist die Brücke, welche diese Welten auseinanderhält, daß sie nicht verfließen.