Gelegentlich schien der „Herr“ wieder eitel einen guten Eindruck auf diese „Heiden“ zu machen. Als er — zum wievielten Mal, war nicht ersichtlich — drohte, sein Volk um den versprochenen Länderraub endgültig zu prellen, überlistete ihn einer durch die Erwägung, es wäre doch blamabel vor den „Heiden“; die würden sich am Ende darob mokieren. Das leuchtete dem Gott ein. Horus las nur so mit den Blickspitzen, machte Stichproben. War denn hier keine Spur von Natursinn? Entzücken an edlen Tieren und der beseelten Landschaft? Darum diese dürre, klägliche Angst; das Sich-als-lebendige-Welle-fühlen, das fehlte eben. Nie wurde hier die Schönheit der Welt zum Gottesbeweis, immer nur Krätze oder wie hieß das andre? Richtig: Feigwarzen.

Da war ein auserwählter König: David. Von dem stand: „Er führete aus der Stadt sehr viel Raubes, und das Volk drinnen führete er heraus und zerteilete sie mit Sägen und eisernen Dreschwagen und Keilen.“ Als er später eine Volkszählung vornahm, schien das dem Gott aus rätselhaften Gründen nicht recht, wiewohl er selbst dergleichen doch wiederholt selbst anbefohlen. Zur ‚Strafe‘ sollte nun der König wählen: Teuerung, Flucht vor dem Schwert seiner Feinde oder Pestilenz im Volk.

Traun, er möchte gehorsamst um Pestilenz für sein Volk gebeten haben. „Da ließ der ‚Herr‘ Pestilenz in Israel kommen, daß siebenzigtausend Mann fielen.“ — Völlig Unschuldige also, an der Sache Unbeteiligte. Gleich darauf sahen Gott wie König auch ein, das Ganze habe keinen rechten Sinn gehabt. Über den Mord an den siebenzigtausend regte sich aber keiner der beiden weiter auf.

Da ekelte es Horus zwar, aber lachen mußte er doch.

Gegen Ende des Buches machten die Leute einen ziemlich reduzierten Eindruck. Ein einziger kleiner Anführer schien ausschließlich das Wort zu haben. Auch die Diktion hatte sich erheblich vermindert, die alte Barbarei, doch quasi um ein Stockwerk tiefer. Kleineres Keifen hub an:

„Und des Menschen Sohn wird seine Engel senden und die Bösen von den Gerechten scheiden und werden sie in den Feuerofen werfen, da wird sein Heulen und Zähneklappern.“ — Dann wieder: „Ihr Schlangen und Ottergezücht, wie wollt ihr der ewigen Verdammnis entrinnen.“ — Ja, eigentlich wo immer man es aufschlug: „Wer aber ärgert einen dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehänget und er ersäufet würde im Meer, wo es am tiefsten ist.“

Komisch. Der junge Mann behauptete von sich, er sei „sanftmütig und von Herzen demütig!“ — Dann umblätternd: „Und wird sagen zu denen zur Linken: gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist den Teufeln und seinen Engeln ... und sie werden in die ewige Pein gehen, aber die Gerechten in das ewige Leben.“ — Er schlug ein paar Seiten zurück. Schon wieder: „Da wird sein Heulen und Zähneklappern.“ Jetzt zum fünften Mal. Er gähnte.

Ein Welterlöser, ein Gottessohn mit dem Leitmotiv: „Na wartet, ich werd’s dem Vater sagen!“ Eben immer noch die gleiche, schlechte Kinderstube. „Es scheint in der Familie zu liegen,“ dachte Horus.

„Wehe dir, Bethsaida. Wären solche Taten zu Tyrus und Sidon geschehen, als bei euch, sie hätten vorzeiten im Sack und in der Asche Buße getan. Doch ich sage euch: es wird Tyrus und Sidon erträglicher gehen am Jüngsten Gerichte, denn euch ... und du, Kapernaum, die du bist erhoben an den Himmel, du wirst bis in die Hölle hinuntergestoßen werden ... Und wo euch jemand nicht annehmen wird ... so gehet heraus von demselben Hause oder Stadt ... wahrlich, ich sage euch, dem Land der Sodomer wird es erträglicher gehen am Jüngsten Gericht, denn solcher Stadt.“

Nicht annehmen — warum? Ja richtig: gerade vorhin hatten sich ja alle gesitteten Leute mit Recht beschwert, daß diese Rowdies sich nicht einmal vor dem Essen die Hände wuschen.