„Strafe — Verdammnis — Sühne — Sünde — ewige Pein.“ — Er griff sich an den Kopf. Dieser ganze pauvre-brutale Vorstellungskomplex war ihm bisher an Religionen gänzlich unbekannt. Als Symbol gewertet aber schien das alles ausschließlich dem Niveau kretinisierter Sechsjähriger angemessen, wobei noch sehr zu fragen war, ob nicht gerade Kindern solche Zuchthäuslersymbolik unter allen Umständen fernzuhalten wäre. „Steinzeitbarbaren eben.“ Das tröstete. Mitten inne diesem kindischen Gekeif stand ab und zu etwas wie ein Druckfehler: „ Liebe “. Ja, wahrhaftig. Liebe wie Geifer vor dem Mund.
„Ich aber sage euch: liebet eure Feinde ... denn so ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner?“
— — Also auch hier — selbst hier noch das ehrwürdige Wort! Alt und süß wie die Welt! Allen Söhnen der Sonne eingeboren mit dem ersten Hauch. Da stand es: Sturmbock in Vordersätzen — als Kontraimitation der Zöllner — oder gar prostituiert mit „ Lohn “? War das noch Liebe? Alles Warmblühende, Taumelnde, Sternenkühne dahin, als wäre das ewige Wort in einen Mülleimer gefallen, aus dem Bucklige mit schiefen Fingern einander damit bewürfen. Seine klare Keuschheit war irgendwie dahin, das von selbst Verständliche: somit Anmut — Weite — Würde. Selbstgefällig, aufgeblasen, mit Protzerei, ja Schadenfreude fletschte es seine Zähne, dieses: „Liebet eure Feinde“. Ausschließlich um strahlende Sieger zu belästigen, wie es schien: „So — jetzt habt ihr auch nichts davon.“ — Liebe als Antithese: aggressiv statt schöpferisch.
„Louche,“ — fühlte er, „schlechthin louche.“ Und wie kam es, daß hier immer nur vom „Nächsten“ — vom „Feind“ als Objekt der Liebe die Rede war? Wo blieben Tiere als Ebenbürtige? Wo Blumen, Wellen, Sonnen? Wenn Erkenntnis das Ich aus seinen Rändern reißt ins grenzenlose Tat-twam-asi; wenn in die wogende Fläche des Geistes: den Träger der ganzen Erscheinungswelt, die Iche stürzen und sich erkennend zergehen: was soll da klein und futil herausgeeinzelt der „Nächste“, der „Feind“? Das Wort ist sinnlos geworden. Welche Präpotenz dieses kleinen Volkslehrers, dauernd so zu tun, als habe er die Liebe erfunden. Überdies: Kein Wort vermeidet doch ein Mensch von Feingefühl so sehr wie eben dieses. Er spricht es nicht — schweigt es aus. An ihm wird die Zunge ein dunkler Vorhang voll Scheu. Doch hieß es nicht irgendwo in einem grotesken Sprichwort: „Wer keinen Schnaps hat, spricht wenigstens von ihm.“
„Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden.“
„Heiden“. Also immer noch die alte Arroganz aus Ignoranz. —
Nun, der Mann schien selbst nicht eben wenig zu sprechen. Da waren Dutzende der ermüdendsten Tautologien: Gleichnisse, unanschaulich aus dem ewigen Mangel an Natursinn, einige dezidiert verunglückt: „Das Himmelreich als das Größte unter dem Kohl ...“ — Auch eine Predigt war da: gegen die Bildung, wie es schien. Überhaupt komisch, diese Wut gegen alles Wohlgeratene; dieser Hang zur Kontraimitation mit gehässiger Tendenz: „Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöhet werden. Viele werden die Letzten sein, die die Ersten sind, und die Ersten sein, die die Letzten sind.“ Keine schöpferische Idee. Nur aggressiv: „Ihr sollt nicht glauben, daß ich kommen sei, Frieden zu senden auf die Erde. Ich bin nicht kommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.“
„Und weiter sage ich euch: es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe, denn daß ein Reicher ins Reich Gottes komme.“
Was hatte denn Armut oder Reichtum: äußere Zustände mit dem mystischen Aufbrechen der Lotusse in den Ganglien zu tun? Diese allein durften doch das „Reich Gottes“ heißen, sofern es für Erwachsene Sinn haben sollte.
Doch genug. Noch immer peinlichen Befremdens voll, schob er das Buch an seinen alten Platz. Schloß dann die Augen — hob das Haupt zurück in die goldne Wolke des Vedanta: