Fräulein Sullivans zusammenhängende Darstellung in dem Jahresbericht des Perkinsschen Institutes für 1891 lautet folgendermaßen:
Im Verlaufe der letzten drei Jahre hat Helen immer größere Fortschritte in der Aneignung der Sprache gemacht. Sie hat einen Vorteil vor normalen Kindern voraus, nämlich den, daß keine äußere Störung sie von ihren Studien ablenkt.
Aber dieser Vorteil schließt andererseits auch einen Nachteil ein; die Gefahr einer übermäßigen geistigen Anstrengung. Ihr Geist ist so geartet, daß sie sich in einem Zustand fieberischer Unruhe befindet, sobald sie sich bewußt wird, daß es etwas gibt, was sie nicht versteht. Ich kann mich keines Falles erinnern, in dem sie geneigt gewesen wäre, eine Arbeit liegen zu lassen, wenn sie fühlte, es handle sich dabei um etwas, was sie nicht verstand. Wenn ich ihr riet, eine Rechenaufgabe bis zum anderen Tag liegen zu lassen, antwortete sie: „Ich glaube, es würde meinen Geist kräftigen, wenn ich sie jetzt löste.“ —
Vor einiger Zeit sprachen wir eines Abends über Tariffragen. Helen wünschte, ich möchte ihr den Gegenstand erklären. Ich sagte: „Nein, das kannst du jetzt noch nicht verstehen.“ — Sie schwieg einen Augenblick; dann aber fragte sie erregt: „Woher wissen Sie denn, daß ich es nicht verstehen kann? Ich habe einen klaren Verstand. Sie müssen bedenken, liebes Fräulein, daß bei den Griechen die Eltern sehr eifrig um ihre Kinder besorgt waren und ihnen Gelegenheit gaben, weise Reden zu hören, und ich glaube, sie verstanden wenigstens einen Teil von dem Gesagten.“ — Ich habe gefunden, es ist das beste, ihr nicht zu sagen, sie könne etwas nicht verstehen, weil sie fast unfehlbar dabei in Aufregung gerät.
Vor nicht allzu langer Zeit suchte ich ihr zu zeigen, wie sie aus ihren Baukastensteinen einen Turm errichten könne. Als die Ausführung etwas verwickelt wurde, brachte die leiseste Erschütterung den Bau zum Einsturz. Nach einer Weile verlor ich die Geduld und sagte ihr, ich fürchtete, sie könne mit dem Turm nicht zustande kommen; ich wollte ihn für sie bauen; allein sie wollte nichts davon wissen. Sie war fest entschlossen, den Turm selbst zu bauen, und beinahe drei Stunden arbeitete sie unermüdlich weiter, sammelte geduldig die Steine auf, wenn sie zusammengefallen waren, und begann von neuem, bis endlich ihre Arbeit von Erfolg gekrönt war. Der Turm stand in jeder Einzelheit vollendet da.
Bis zum Oktober 1889 hielt ich es für das beste, mich bei Helens Unterricht an keinen geregelten Stundenplan zu binden. Die ersten beiden Jahre ihres geistigen Lebens glich sie einem Kinde in einem fremden Lande, wo ihr alles neu und verworren vorkam, und solange sie sich noch keine genügende Kenntnis der Sprache angeeignet hatte, war es unmöglich, ihr systematischen Unterricht zu erteilen.
Außerdem war Helens Wißbegierde während dieser Jahre so groß, daß ihre Fortschritte in der Aneignung der Sprache gehemmt worden wären, wenn die Beantwortung der fortwährend auftauchenden Fragen bis nach der Beendigung der Unterrichtsstunde verschoben worden wäre. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde sie dann die Frage vergessen haben und eine gute Gelegenheit zur Erläuterung eines Punktes von wirklichem Interesse verloren gegangen sein. Daher habe ich es stets für das beste gehalten, meiner Schülerin alles, was sie zu wissen verlangte, klarzumachen, mochte es nun auf den gerade vorliegenden Gegenstand Bezug haben oder nicht.
Seit dem Oktober 1889 wurde der Unterricht systematischer und umfaßte Rechnen, Geographie, Zoologie, Botanik und Lesen.
Im Rechnen hat sie bedeutende Fortschritte gemacht. Sie kann multiplizieren, addieren, subtrahieren und dividieren und scheint die Rechnungsoperationen zu verstehen; sie steht jetzt bei den unechten Brüchen. Auch im schriftlichen Rechnen sind ihre Leistungen gut. Ihr Geist arbeitet so rasch, daß, wenn ich ihr ein Exempel aufgebe, sie mir oft schon die richtige Antwort gibt, ehe ich Zeit habe, ihr die ganze Frage in die Hand zu schreiben. Auf die sprachliche Form achtet sie bei der Stellung einer Aufgabe wenig und fragt selten nach der Bedeutung ihr unbekannter Wörter oder Redewendungen. Als ihr einst eine Aufgabe großes Kopfzerbrechen machte, schlug ich ihr vor, einen Spaziergang zu machen, dann würde sie ihr vielleicht leichter fallen. Sie schüttelte aber energisch den Kopf und sagte: Meine Feinde würden glauben, ich liefe vor ihnen davon. Nein, ich muß ausharren und sie jetzt überwinden — und sie tat es.
Der intellektuelle Fortschritt, den Helen in den letzten beiden Jahren gemacht hat, zeigt sich in ihrer zunehmenden Beherrschung der Sprache und ihrer Fähigkeit, feinere Nuancen in der Bedeutung der Wörter zu erkennen, deutlicher als in jedem anderen Unterrichtszweige.