Es vergeht nicht ein Tag, ohne daß sie eine ganze Anzahl neuer Wörter lernt, und dies sind nicht nur die Bezeichnungen konkreter Gegenstände. Zum Beispiel wünschte sie eines Tages die Bedeutung folgender Wörter kennenzulernen: phenomenon, comprise, energy, reproduction, extraordinary, perpetual und mystery. Einige dieser Wörter haben mehrere Bedeutungen, die, von einfacheren beginnend, allmählich zu abstrakteren emporsteigen. Es würde ein aussichtsloses Unternehmen gewesen sein, Helen die feineren Bedeutungen des Wortes mystery klarzumachen, aber sie begriff mit leichter Mühe, daß es etwas Verborgenes oder Verstecktes bedeute, und wenn sie erst größere Fortschritte gemacht hat, wird sie die feinen Bedeutungen des Wortes ebenso leicht auffassen wie jetzt die einfacheren. Bei der Behandlung eines Themas läßt es sich gar nicht vermeiden daß anfangs Wörter und Konstruktionen vorkommen, die nicht eher voll verstanden werden können, als bis der Schüler einen bedeutenden Fortschritt gemacht hat; ich habe es jedoch für das beste gehalten, meiner Schülerin anfangs nur einfache Erläuterungen zu geben in der Meinung, daß diese, mögen sie auch etwas unbestimmt und unvollständig sein, einander unterstützen werden und daß das, was heut unklar ist, morgen klar sein wird.
Ich betrachte meine Schülerin als ein freies und selbsttätiges Wesen, dessen spontane Antriebe meine zuverlässigsten Führer sein müssen. Ich habe stets zu Helen genau so gesprochen wie zu einem sehenden und hörenden Kinde und darauf gedrungen, daß die anderen es ebenso machten. Wenn mich jemand fragt, ob sie dies oder jenes verstehen werde, antworte ich stets: Es kommt gar nicht darauf an, ob sie jedes einzelne Wort eines Satzes versteht oder nicht. Sie wird die Bedeutung der ihr unbekannten Wörter aus deren Verbindung mit anderen erraten, die ihr schon bekannt sind.
Die Auswahl der Bücher, die Helen lesen sollte, habe ich nie mit Bezug auf die Taubheit und Blindheit meiner Schülerin getroffen. Sie liest nur die Bücher, an deren Lektüre sich sehende und hörende Kinder ihres Alters erfreuen. Natürlich war es anfangs notwendig, daß der Inhalt leicht verständlich und fesselnd und daß die Sprache rein und schlicht war. Sie hatte die Druckschrift erlernt, und eine Zeitlang hatte sie sich damit unterhalten, mit Hilfe von Pappstreifen, auf denen die Wörter in erhöhten Lettern gedruckt waren, einfache Sätze zu bilden; aber diese Sätze standen in keiner näheren Beziehung zueinander. Eines Morgens fingen wir eine Maus, und ich verfiel auf den Gedanken, Helens Interesse mit Hilfe einer lebenden Maus und einer lebenden Katze anzuregen, indem ich einige Sätze in einer Weise zusammenstellte, daß sie eine kleine Geschichte bildeten, um ihr so einen neuen Begriff von dem Werte der Sprache zu geben. Ich stellte also die folgenden Sätze in dem Rahmen zusammen und gab ihn Helen: „Die Katze sitzt auf der Kiste. Eine Maus sitzt in der Kiste. Die Katze kann die Maus sehen. Die Katze möchte die Maus gern fressen. Laß die Katze die Maus nicht fangen! Die Katze kann etwas Milch bekommen, und die Maus kann etwas Kuchen bekommen.“ Das Wort »the« war ihr unbekannt, und sie wollte es natürlich erklärt haben. Da es aber bei dem damaligen Stande ihrer Ausbildung zwecklos gewesen wäre, ihr seinen Gebrauch zu erklären, so machte ich gar nicht erst einen Versuch dazu, sondern leitete ihren Finger zum nächsten Worte hin, das sie mit einem strahlenden Lächeln erkannte. Als ich nun ihre Hand auf die Katze legte, die auf der Kiste saß, stieß sie einen leichten Schrei der Ueberraschung aus, und der übrige Teil des Satzes wurde ihr sofort klar. Als sie die Wörter des zweiten Satzes gelesen hatte, zeigte ich ihr, daß sich wirklich eine Maus in der Kiste befand. Dann bewegte sie ihren Finger mit einem Ausdruck regen Interesses bis zur nächsten Zeile. „Die Katze kann die Maus sehen.“ Hierbei ließ ich die Katze die Maus erblicken und Helen die Katze befühlen. Der Ausdruck in den Zügen des kleinen Mädchens verriet, daß es ganz erstaunt war. Ich lenkte nun Helens Aufmerksamkeit auf die folgende Zeile, und obgleich sie nur die drei Wörter cat, eat und mouse kannte, verstand sie doch sofort den Inhalt des Satzes. Sie nahm die Katze weg und setzte sie auf den Fußboden, indem sie zugleich den Rahmen über die Kiste deckte. Als sie las: „Laß die Katze die Maus nicht fangen!“ (Do not let the cat get the mouse!), bemerkte sie die Negation in dem Satze und schien zu begreifen, daß die Katze die Maus nicht fangen dürfe. Get und let waren ihr unbekannt. Die Wörter des letzten Satzes waren ihr bekannt, und sie war entzückt, als sie die Erlaubnis erhielt, sie in die Tat umzusetzen. Aus den Zeichen, die sie machte, entnahm ich, daß sie eine neue Geschichte wünschte, und ich gab ihr ein Buch mit ganz kurzen und in der einfachsten Sprache gehaltenen Erzählungen. Sie ließ ihre Finger über die Zeilen gleiten, fand die Wörter heraus, die sie kannte, und erriet die Bedeutung der übrigen — alles in einer Weise, die auch den konservativsten Pädagogen zu der Ueberzeugung bringen würde, daß ein kleines taubstummes Kind, wenn ihm die Gelegenheit dazu geboten wird, ebenso leicht und auf ebenso natürlichem Wege lesen lernt wie normale Kinder.
Ich bin darum überzeugt, daß Helens Gewandtheit im englischen Ausdruck großenteils eine Folge ihrer fleißigen Lektüre ist. Sie liest oft zwei bis drei Stunden hintereinander und legt selbst dann das Buch nur widerstrebend zur Seite. Als wir eines Tages die Bibliothek verließen, erschien sie mir ernster als gewöhnlich, und ich erkundigte mich nach der Ursache davon. „Ich muß daran denken, wieviel klüger wir immer sind, wenn wir hier herauskommen, als wenn wir hineingehen,“ — lautete ihre Antwort.
Auf die Frage, warum sie Bücher so sehr liebe, erwiderte sie einst: Weil sie mir so viel Interessantes über Dinge erzählen, die ich nicht sehen kann, und weil sie niemals müde oder schlechter Laune sind wie die Menschen. Sie erzählen mir alles und jedes, was ich zu wissen wünsche. —
Als wir Dickens’ »Child’s History of England« lasen, kamen wir an den Satz: „Noch war der Mut der Briten nicht gebrochen“. Ich fragte, was dies nach ihrer Meinung bedeute. Sie entgegnete: „Ich glaube, es bedeutet, daß die tapferen Briten nicht entmutigt waren, daß die Römer so viele Schlachten gewonnen hatten, und sie nur umsomehr zu vertreiben wünschten.“ — Es wäre ihr nicht möglich gewesen, die einzelnen Wörter dieses Satzes zu erklären, und doch faßte sie den Sinn der Stelle ganz richtig auf und war imstande, ihn mit ihren eigenen Worten wiederzugeben. Die nächsten Zeilen enthalten noch schwieriger zu verstehende Wendungen: „Als Suetonius das Land verließ, griffen sie seine Truppen an und eroberten die Insel Anglesea zurück.“ — Ihre Erläuterung dieses Satzes lautete folgendermaßen: „Es bedeutet, daß, als der römische General fortgegangen war, die Briten wiederum zu kämpfen begannen, und weil die römischen Soldaten keinen General hatten, der ihnen hätte sagen können, was sie tun sollten, so wurden sie von den Briten überwunden und verloren die Insel, die sie erobert hatten.“ —
Sie zieht geistige Beschäftigungen Handarbeiten vor und liebt Häkeln, Stricken und dergl. nicht in dem Maße wie viele blinde Kinder; aber sie will es ihnen durchaus in allen Leistungen gleichtun. Sie hat die Benutzung der Schreibmaschine erlernt und schreibt sehr korrekt, wenn auch bis jetzt noch nicht allzuschnell, da sie erst die Uebung von nicht ganz einem Monat hinter sich hat.
Vor länger als zwei Jahren lehrte ein Vetter sie das Telegraphenalphabet, indem er ihr die Punkte und Striche mit seinem Finger auf dem Rücken ihrer Hand vormachte. So oft sie jemanden antrifft, der mit diesem System bekannt ist, so ist sie erfreut, es bei der Unterhaltung in Anwendung bringen zu können. Ich habe gefunden, daß es ein bequemes Verständigungsmittel zwischen uns abgibt, wenn sich Helen in einiger Entfernung von mir befindet, denn es macht es mir möglich, mit ihr zu sprechen, indem ich mit meinem Fuße auf den Boden klopfe. Sie fühlt die Erschütterungen und versteht, was ich ihr mitzuteilen habe.