Man hatte in Gelehrtenkreisen gehofft, eine so hervorragend begabte Natur wie Helen würde, wenn sie völlig auf ihre eigenen Hilfskräfte angewiesen bliebe, Gelegenheit bieten, verschiedene psychologische Fragen, die von Dr. Howe noch nicht erschöpfend beantwortet worden waren, ihrer Lösung näher zu bringen; aber diese Hoffnungen sollten nicht in Erfüllung gehen. Bei Helen war ebenso wie bei Laura Bridgman eine Enttäuschung unvermeidlich. Es ist unmöglich, ein Kind inmitten der Gesellschaft so zu isolieren, daß es von den Anschauungen derer, mit denen es zusammenlebt, ganz unbeeinflußt bleibt. Bei Helen hätte eine solche Absicht nur dadurch erreicht werden können, daß man sie dem Verkehr mit anderen, der ihrer Natur so unentbehrlich ist, entzogen hätte.

Es mußte allen, die die rasche Entwickelung von Helens Anlagen beobachteten, klar sein, daß es unmöglich war, ihren wißbegierigen Geist auf die Dauer von der Beschäftigung mit den unergründlichen Geheimnissen des Lebens abzuhalten. Aber es wurde große Sorgfalt darauf verwandt, ihre Gedanken nicht vor der Zeit auf Gegenstände zu lenken, die für jedermann ein unentwirrbares Rätsel bleiben. Kinder stellen tiefe Fragen, erhalten aber oft seichte Antworten, oder, um richtiger zu sprechen, sie beruhigen sich bei solchen Antworten.

„Woher bin ich gekommen?“ — und „Wohin werde ich gehen, wenn ich sterbe?“ — waren Fragen, die Helen stellte, als sie acht Jahre alt war. Aber die Erklärungen, die sie damals zu verstehen vermochte, waren unzulänglich, obgleich sie sie zum Schweigen brachten, bis ihr Geist seine höheren Kräfte zu äußern und sie aus zahllosen Eindrücken und Vorstellungen, die ihr aus Büchern und ihren täglichen Erfahrungen zuströmten, allgemeine Schlüsse zu ziehen begann. Ihr Geist forschte nach der Ursache der Dinge.

Sowie ihre Beobachtung der Naturerscheinungen umfassender und ihr Wortvorrat reicher und feiner wurde, sodaß sie imstande war, ihre eigenen Begriffe und Ideen klar auszudrücken und ebenso die Gedanken und Erfahrungen anderer zu verstehen, erkannte sie die Beschränktheit der menschlichen Schöpfungskraft und sah ein, daß eine andere Macht, die höher sei als die menschliche, die Erde, die Sonne und die tausend Naturgegenstände, mit denen sie völlig vertraut war, geschaffen haben müsse.

Schließlich fragte sie eines Tages nach einem Namen für diese Macht, deren Vorhandensein sie schon in ihrem Inneren erkannt hatte.

Durch Charles Kingsley’s »Greek Heroes« war sie mit den schönen Sagen über die griechischen Götter und Göttinnen bekannt geworden, und die Wörter Gott, Himmel, Seele und eine große Menge ähnlicher Ausdrücke mußten ihr schon in ihren Büchern begegnet sein.

Sie hatte niemals nach der Bedeutung solcher Wörter gefragt, auch nie eine Bemerkung gemacht, wenn sie vorkamen, und bis zum Februar 1889 hatte niemand zu ihr von Gott gesprochen. Zu jener Zeit versuchte eine liebe Verwandte, die zugleich eine eifrige Christin war, Helen von Gott zu erzählen; da diese Dame aber nicht Worte gebrauchte, die der Fassungskraft des Kindes angemessen waren, so machten diese Unterredungen wenig Eindruck auf Helen. Als ich später mit ihr sprach, sagte sie: „Ich habe Ihnen etwas sehr Spaßiges mitzuteilen. A. sagt, Gott habe mich und jedermann aus Erde gemacht; das muß aber ein Scherz sein. Ich bestehe doch aus Fleisch und Blut und Knochen, nicht wahr?“ — und dabei untersuchte sie mit offenbarer Genugtuung ihren Arm und lachte aus Herzensgrunde. Nach einem Weilchen fuhr sie fort: „A. sagt, Gott sei überall, und er sei die Liebe; aber ich kann mir niemand denken, der aus Liebe besteht. Liebe ist nur etwas in unserem Herzen drin. Dann sagte A. noch etwas sehr Komisches. Sie sagte, er (nämlich Gott) sei mein lieber Vater. Ich mußte darüber sehr lachen, denn ich weiß, mein Vater heißt Arthur Keller.“ —

Ich setzte ihr auseinander, sie sei noch nicht imstande, das Gesagte zu verstehen, und brachte sie mit leichter Mühe zu der Einsicht, es sei besser, über solche Dinge erst dann zu sprechen, wenn sie klüger geworden sei.

Im Laufe ihrer Lektüre war sie auf den Ausdruck »Mutter Natur« gestoßen, und lange Zeit pflegte sie alles, was nach ihrem Dafürhalten die menschliche Kraft überstieg, der Mutter Natur zuzuschreiben. Wenn sie vom Wachstum einer Pflanze sprach, sagte sie: „Mutter Natur sendet den Sonnenschein und den Regen, damit die Bäume und das Gras und die Blumen wachsen können.“ —

Eines Abends schien Helen nach dem Abendessen etwas ernster zu sein, und Frau H. fragte sie, woran sie dächte. „Ich denke daran, wieviel die liebe Mutter Natur in der Frühlingszeit zu tun hat,“ — antwortete sie. Als sie gefragt wurde, warum, erwiderte sie: „Weil sie für so viele Kinder zu sorgen hat. Sie ist die Mutter aller Dinge, der Blumen, Bäume und Winde.“ —