Sie hat bis jetzt noch nicht in der Bibel lesen dürfen, weil ich nicht weiß, wie sie dies gegenwärtig tun kann, ohne einen ganz irrigen Begriff von den Eigenschaften Gottes zu bekommen. Ich habe ihr bereits in schlichter Sprache von dem herrlichen, hilfsbereiten Leben Jesu und seinem qualvollen Tode erzählt. Die Erzählung rührte sie tief, als sie sie zum ersten Male hörte.

Als sie auf unsere Unterredung zurückkam, so geschah dies, um zu fragen: „Warum ging Jesus nicht fort, sodaß ihn seine Feinde nicht finden konnten?“ — Die Wunder Jesu betrachtete sie mit sehr kritischem Auge. Als ihr erzählt wurde, daß Jesus auf dem See einherwandelte, um seinen Jüngern entgegenzugehen, sagte sie sehr entschieden: „Es heißt nicht wandelte, sondern schwamm.“ — Als ich ihr davon erzählte, daß Jesus Tote auferweckt habe, wurde sie ganz stutzig und sagte: „Das glaube ich nicht, daß ein Toter wieder lebendig werden kann.“ —

Eines Tages sagte sie traurig: „Ich bin taub und blind. Das ist der Grund, warum ich den lieben Gott nicht sehen kann.“ — Ich lehrte sie das Wort unsichtbar (invisible) und erwiderte ihr: „Wir können Gott nicht mit unseren Augen sehen, weil er ein Geist ist; wenn aber unsere Herzen voll von Güte und Sanftmut sind, dann sehen wir ihn, weil wir ihm dann ähnlicher sind.“ —

Ein anderesmal fragte sie: „Was ist eine Seele?“ — „Niemand weiß, was die Seele ist,“ — entgegnete ich; „aber das wissen wir, daß sie nicht der Körper ist und daß sie der Teil von uns ist, der denkt, liebt und hofft und der, wie die Christen glauben, weiterleben wird, wenn der Körper tot ist.“ — Dann fragte ich sie: „Kannst du dir deine Seele getrennt vom Körper denken?“ — „O ja,“ antwortete sie; „ich dachte vor einer Stunde sehr lebhaft an Herrn Anagnos, und da war mein Geist — meine Seele, verbesserte sie sich — in Athen, aber mein Körper war hier im Unterrichtszimmer.“ — In diesem Augenblicke schien ihr ein anderer Gedanke durch den Kopf zu gehen, denn sie fügte hinzu: „Aber Herr Anagnos sprach nicht zu meiner Seele.“ — Ich erklärte ihr, daß auch die Seele unsichtbar oder mit anderen Worten, ohne sinnlich wahrnehmbare Gestalt sei. „Aber wenn ich niederschreibe, was meine Seele denkt,“ versetzte sie, „dann wird sie sichtbar, und die Worte sind dann ihr Körper.“

Längere Zeit darauf sagte Helen zu mir: „Ich möchte sechzehnhundert Jahre leben.“ — Auf die Frage, ob sie nicht für immer in einem schönen Lande, Himmel genannt, leben wolle, erwiderte sie zunächst: „Wo liegt der Himmel?“ — Ich mußte zugestehen, dies nicht zu wissen, äußerte aber die Vermutung, es könnte einer von den Sternen sein. Ein Weilchen darauf sagte sie nun: „Wollen Sie nicht die Freundlichkeit haben, zuerst hinzugehen und mir dann alles über ihn erzählen?“ — und fuhr dann fort: „Tuscumbia ist eine sehr hübsche kleine Stadt.“ — Es verging mehr als ein Jahr, ehe sie auf das Thema zurückkam, und als sie dies tat, waren ihre Fragen sehr zahlreich und dringend. Sie fragte: „Wo liegt der Himmel und wie sieht es dort aus? Warum können wir über den Himmel nicht soviel wissen wie über fremde Länder?“ — Ich erklärte ihr in sehr einfacher Sprache, es könne viel Orte mit dem Namen Himmel geben, aber der Hauptsache nach sei er ein Zustand — die Erfüllung des Sehnens des Herzens, die Befriedigung seiner Wünsche; der Himmel sei überall dort zu finden, wo das Rechte anerkannt, ausgeübt und geliebt werde.

Vor dem Gedanken an den Tod schrak sie mit augenscheinlichem Schauder zurück. Als ihr vor kurzem ein von ihrem Bruder erlegter Hirsch gezeigt wurde, war sie sehr traurig, und fragte bekümmert: „Warum muß alles sterben, selbst der schnellfüßige Hirsch?“ — Ein andermal fragte sie mich: „Glauben Sie nicht, daß wir alle viel glücklicher sein würden, wenn wir nicht zu sterben hätten?“ — „Nein,“ entgegnete ich, „denn wenn es keinen Tod gäbe, so würde unsere Welt mit lebenden Geschöpfen bald so überfüllt sein, daß keines von ihnen behaglich leben könnte.“ — „Aber,“ erwiderte Helen rasch, „meiner Meinung nach hätte Gott ebensogut mehrere Welten erschaffen können, wie er diese eine erschaffen hat.“ —

Als ihr einige Freundinnen von der großen Glückseligkeit erzählten, die unser in einem anderen Leben warte, fragte sie sofort: „Woher wissen Sie das, wenn Sie noch nicht tot gewesen sind?“ —

Der Umstand, daß sie ganz gebräuchliche Worte und Redewendungen mitunter in buchstäblichem Sinne nimmt, beweist, wie nötig es für uns ist, uns zu vergewissern, daß sie diese in ihrer richtigen Bedeutung auffaßt. Als ihr vor kurzem erzählt wurde, die Ungarn seien geborene Musiker, so fragte sie erstaunt: „Singen sie denn, wenn sie geboren werden?“ — Als ihre Freundin hinzufügte, daß einige Schülerinnen, die sie in Budapest gesehen habe, mehr als hundert Melodien in ihrem Kopfe hätten, antwortete sie lachend: „Dann wird es in ihrem Kopfe wohl sehr geräuschvoll zugehen.“ — Sie besitzt einen scharfen Blick für das Lächerliche, und anstatt sich durch eine bildliche Ausdrucksweise in Verlegenheit setzen zu lassen, ergötzt sie sich oft an ihrer allzu wörtlichen Auffassung der betreffenden Redewendungen.

Als ihr einmal gesagt worden war, die Seele sei gestaltlos, stutzte sie bei Davids Worten: ‚Er führet meine Seele‘. — „Hat sie Füße? Kann sie gehen? Ist sie blind?“ fragte sie, denn für die war die Vorstellung des Geführtwerdens mit der Vorstellung des Blindseins verknüpft.