Von allem, was Helen in Unruhe und Verwirrung versetzt, stimmt sie nichts so traurig, wie die Erkenntnis von dem Vorhandensein des Schlechten, und von den Leiden, die aus diesem entspringen. Lange Zeit hindurch war es möglich, sie vor dieser Erkenntnis zu bewahren, und es wird stets verhältnismäßig leicht sein, sie vor persönlicher Berührung mit Laster und Verderbtheit zu behüten. Die Tatsache, daß die Sünde existiert und daß großes Elend aus ihr entspringt, dämmerte ihrem Geiste allmählich auf, je mehr sie das tägliche Leben und seine Erfahrungen kennen lernte. Es mußte ihr die Notwendigkeit von Gesetzen und Strafen erklärt werden. Es wurde ihr sehr schwer, das Vorhandensein des Uebels in der Welt mit der Vorstellung von Gott zu vereinigen, die man ihr eingeprägt hatte.
Eines Tages fragte sie: „Sorgt Gott allezeit für uns?“ — Als ihr dies bejaht wurde, fuhr sie fort: „Warum hat er denn dann meine kleine Schwester heute morgen fallen lassen, sodaß sie sich den Kopf so arg zerschlagen hat?“ — Ein andermal fragte sie nach der Allmacht und Güte Gottes. Man hatte ihr von einem schrecklichen Sturme auf der See erzählt, bei dem mehrere Menschen ihr Leben eingebüßt hatten, und sie fragte: „Warum hat Gott die Leute nicht gerettet, wenn er alles zu tun vermag?“
Umgeben von liebenden Angehörigen und Freunden und unter veredelnden Einflüssen aufgewachsen, hat Helen vom Beginne ihrer geistigen Entwickelung an stets bereitwillig das Rechte getan. Sie erkennt mit unfehlbarem Instinkt, was recht ist, und tut es mit Freuden. Sie hält die eine schlechte Handlung nicht für harmlos, eine andere nicht für bedeutungslos, eine dritte nicht für unbeabsichtigt. Für ihre reine Seele ist alles Schlechte gleich häßlich.
Die letzten Aeußerungen Fräulein Sullivans über ihre Methode finden sich in dem Berichte, den sie für die im Juli 1894 in Chautauqua abgehaltene Versammlung der »Amerikanischen Vereinigung zur Förderung der Unterweisung der Taubstummen im Sprechen« verfaßt hat. Es heißt darin unter anderem:
Sie dürfen nicht glauben, daß Helen mit einem Schlage den Wortschatz der englischen Sprache zu beherrschen lernte, sobald sie den Gedanken, daß jeder Gegenstand eine Bezeichnung habe, erfaßte, oder daß »ihre geistigen Fähigkeiten in voller Waffenrüstung wie Pallas Athene aus Zeus’ Haupt aus der totenähnlichen Erstarrung, in der sie lebend schlummerten, emporstiegen«, wie einer ihrer begeisterten Bewunderer uns glauben machen möchte. Zu Anfang waren die Wörter, Redewendungen und Sätze, deren sie sich zum Ausdruck ihrer Gedanken bediente, sämtlich Nachahmungen derer, die wir in der Unterhaltung mit ihr angewandt hatten und die ihr Gedächtnis unbewußt festgehalten hatte. Und in der Tat, dies trifft auf die Sprache aller Kinder zu. Ihre Sprache ist die Erinnerung an die Sprache, die sie in ihrem Elternhause gehört haben. Die fortwährende Wiederholung der im täglichen Leben üblichen Unterhaltung hat ihrem Gedächtnis gewisse Wörter und Redewendungen eingeprägt, und wenn sie zu sprechen beginnen, so liefert ihnen ihr Gedächtnis die Wörter, die sie stammeln. Gleicherweise ist die Sprache der Gebildeten die Erinnerung an die Sprache der Bücher.
Die Sprache wächst aus dem Leben, dessen Bedürfnissen und Erfahrungen hervor. Anfangs war der Geist meiner kleinen Schülerin völlig leer. Sie hatte in einer Welt gelebt, die sie nicht erkennen konnte. Sprache und Erkenntnis sind unlöslich miteinander verknüpft; sie stehen zueinander in wechselseitiger Beziehung. Gute Leistungen im Gebrauch der Sprache setzen eine wirkliche Kenntnis der Dinge voraus und hängen von dieser ab. Sobald Helen die Vorstellung faßte, daß jeder Gegenstand eine Bezeichnung habe und daß diese Bezeichnungen mit Hilfe des Fingeralphabets anderen übermittelt werden können, ging ich dazu über, ihr Interesse an den Dingen, deren Bezeichnungen sie mit so offenkundiger Freude buchstabieren lernte, wachzurufen. Niemals erteilte ich ihr Unterricht im Sprechen lediglich zu Unterrichtszwecken, sondern ich bediente mich stets der Sprache als eines Mittels zur Gedankenübertragung, und so fiel die Erlernung der Sprache mit der Aneignung von Kenntnissen zusammen. Um die Sprache in vernünftiger Weise zu gebrauchen, muß man etwas haben, worüber man spricht, und dies ist wieder das Ergebnis von Erfahrungen, die man gemacht hat. Kein Maß von Sprachübung wird unsere Kinder befähigen, die Sprache leicht und fließend zu handhaben, wenn sie sich nicht in ihrem Innern klargemacht haben, was sie sagen wollen, oder wenn es uns nicht gelungen ist, in ihnen den Wunsch rege zu machen, zu erfahren, was im Innern anderer Menschen vorgeht.
Anfangs band ich mich bei meinem Unterricht an keinen bestimmten Plan. Ich suchte stets herauszufinden, wofür sich Helen am meisten interessierte, und machte dies zum Ausgangspunkt der neuen Lektion, mochte es nun mit dem Gegenstand, den ich mir zu behandeln vorgenommen hatte, zusammenhängen oder nicht. Während der ersten beiden Jahre ihrer geistigen Entwickelung hielt ich Helen sehr selten zum Schreiben an. Um schreiben zu können, muß man einen Stoff haben, über den man schreibt, und dies erfordert wiederum einige geistige Vorbereitung. Das Gedächtnis muß einen Vorrat von Vorstellungen haben und der Geist muß durch Wissen bereichert sein, bevor das Schreiben eine naturgemäße und angenehme Arbeit wird. Unsere Kinder werden, glaube ich, nur zu häufig zum Schreiben angehalten, ehe sie etwas zu sagen haben. Man lehre sie denken, lesen und aussprechen, was sie meinen, und sie werden schreiben, weil sie nicht anders können.
Helen eignete sich die Sprache mehr durch Uebung und Gewohnheit an, als durch das Erlernen von Regeln und Definitionen. Die Grammatik mit ihrer verwirrenden Menge von Klassifikationen, Bezeichnungen und Paradigmen war aus dem Unterrichte gänzlich verbannt. Sie erlernte die Sprache dadurch, daß sie mit der lebenden Sprache selbst in Berührung gebracht wurde; sie lernte diese aus der täglichen Unterhaltung und aus ihren Büchern kennen und wurde veranlaßt, sie in der mannigfaltigsten Weise hin- und herzuwenden, bis sie imstande war, sie richtig zu gebrauchen. Zweifellos sprach ich mehr und anhaltender mit meinen Fingern, als ich es mit meinem Munde hätte zu tun brauchen; denn wenn sie hätte sehen und hören können, so würde sie in Bezug auf Unterhaltung und Belehrung weniger von mir abhängig gewesen sein.
Ich glaube, jedes Kind hat in seinem Innern wertvolle Eigenschaften verborgen, die belebt und entwickelt werden können, wenn wir nur den richtigen Weg einschlagen; niemals werden wir aber die höheren Naturen unter uns in angemessener Weise entwickeln, wenn wir fortfahren, ihren Geist mit den sogenannten Anfangsgründen vollzustopfen. Die Mathematik wird sie nie zu liebevollen Wesen machen, und ebensowenig wird die Kenntnis von der Größe und der Gestalt der Erde sie zur Würdigung von deren Schönheiten befähigen. Statt dessen wollen wir die Kinder in den ersten Jahren lieber dazu anleiten, ihren höchsten Genuß in der Natur zu finden. Wir wollen sie auf den Feldern umherspringen lassen, ihnen von Tieren erzählen und sie zur Beobachtung der realen Dinge anhalten. Kinder werden sich unter gesunden Verhältnissen selbst erziehen. Sie bedürfen viel mehr einer liebevollen Leitung als der Belehrung.
Ich glaube, daß zu Helens fließendem Sprechen viel der Umstand beigetragen hat, daß fast jeder Eindruck, den sie empfängt, ihr durch das Medium der Sprache vermittelt wird. Aber abgesehen von Helens natürlicher Beanlagung zum Erlernen der Sprache und dem günstigen Einflusse ihrer Umgebung werden wir, glaube ich, finden, daß der beständige Umgang mit guten Büchern von der größten Bedeutung für ihre Erziehung gewesen ist. Es ist nicht erforderlich, daß ein Kind jedes Wort in einem Buche verstehe, wenn es dasselbe mit Genuß und Nutzen lesen soll. In der Tat sollten nur solche Erklärungen gegeben werden, die wirklich wesentlich sind. Helen nahm die Sprache in sich auf, die sie anfangs noch nicht verstehen konnte, die aber in ihrem Geiste zurückblieb, bis sie ihrer bedurfte, und die Worte sich von selbst ihrer Unterhaltung und ihren schriftlichen Ausarbeitungen anschmiegten. In der Tat ist von einigen behauptet worden, daß sie zuviel lese, daß sie einen großen Teil ihrer schöpferischen Kraft in der Freude an Büchern zersplittere, daß, während sie selbständig urteilen und sich ausdrücken könne, sie die Dinge lediglich durch die Augen anderer betrachte und sich in deren Sprache ausdrücke; allein ich bin überzeugt, daß selbständiges Arbeiten ohne Vorbereitung durch fleißige Lektüre ein Ding der Unmöglichkeit ist. Helen hat die besten und reinsten Muster in der Sprache beständig vor Augen, und ihre Unterhaltung sowie ihre schriftlichen Darlegungen sind unbewußte Erinnerungen an das, was sie gelesen hat. Das Lesen sollte meines Erachtens unabhängig von den sonstigen Schularbeiten betrieben werden. Kinder sollten zum Lesen rein des Vergnügens wegen ermuntert werden. Die Haltung, die ein Kind seinen Büchern gegenüber einnimmt, sollte die der unbewußten Empfänglichkeit sein. Die großen Werke der Dichtkunst sollten einen Teil seines Lebens ausmachen, sowie sie einst der wahre Lebensinhalt für ihre Urheber waren. Es ist richtig, je empfänglicher und phantasiereicher der Geist ist, der das in der Literatur Gebotene aufnimmt, desto genauer werden auch die feinsten Züge wiedergegeben. Helen besitzt ein lebhaftes Empfinden, ein frisches, leicht erregbares Interesse an allem, einen geistigen Einblick in das Wesen des künstlerischen Temperaments und infolgedessen natürlich eine lebhaftere und intensivere Freude am Leben, einfach als Leben aufgefaßt, an der Natur, an Büchern und an Menschen als minderbegabte Sterbliche. Ihr Geist ist von den hohen Gedanken und den Idealen der großen Dichter so erfüllt, daß ihr nichts als Gemeinplatz erscheint, denn ihre Phantasie schmückt das ganze Leben mit ihren eigenen reichen Farben aus.