Fräulein Sullivan hat mit ihrer Methode dort eingesetzt, wo Dr. Howe aufgehört hat. Er erfand das Instrument, das physische Werkzeug, aber das Lehren der Sprache ist etwas ganz anderes als das mechanische Mittel, durch das die Sprache gelehrt werden kann. Durch Versuche, durch die Beobachtung anderer Kinder gelangte Fräulein Sullivan auf den praktischen Weg, die Sprache nach der natürlichen Methode zu lehren. Nach dieser »natürlichen Methode« hatte Dr. Howe gesucht, sich aber nie zu dem Gedanken aufschwingen können, daß man ein taubstummes Kind nicht jedes Wort einzeln für sich durch Definition lehren darf, sondern daß ihm die Sprache durch unaufhörliche Wiederholung von Wörtern, die es nicht versteht, beigebracht werden muß. Und hierin besteht Fräulein Sullivans große Entdeckung. Den ganzen Tag hindurch vom frühen Morgen bis zum späten Abend buchstabierte Fräulein Sullivan unverdrossen in die Hand ihrer Schülerin, und hierdurch fing Helen Keller Wörter auf, genau so wie das Kind in der Wiege Wörter auffängt, dadurch, daß es sie zu Tausenden hört, ehe es ein einziges gebraucht, und die Wörter mit der Gelegenheit, bei der sie gesprochen wurden, in der Erinnerung verknüpft. So lernt es, daß Wörter Gegenstände, Handlungen, Empfindungen bezeichnen. Dieses ist das erste Prinzip bei Fräulein Sullivans Methode, ein Prinzip, das praktische Ergebnisse gezeitigt hat und das, soviel ich finden kann, niemals bei der Erziehung eines taubstummen Kindes, geschweige denn eines taubstummen und blinden, praktisch angewandt worden ist, ehe es Fräulein Sullivan bei Helen Keller versuchte. Und dieses Prinzip ist auch nicht eher klar formuliert worden, bevor Fräulein Sullivan ihre Briefe schrieb.
Das zweite Prinzip bei ihrer Methode (die numerische Reihenfolge ist natürlich willkürlich) besteht darin, mit dem Kinde nie über Dinge zu sprechen, die ihm unangenehm oder langweilig sind. In der ersten Taubstummenschule, die Fräulein Sullivan überhaupt besuchte, war die Lehrerin damit beschäftigt, auf der Wandtafel den Kindern mittels geschriebener Worte etwas mitzuteilen, was diese nicht zu wissen verlangten, während sie die besuchenden Gäste mit der größten Neugierde umringten und dadurch den Beweis lieferten, daß es tausenderlei Dinge gab, die sie zu wissen verlangten. Warum knüpfte die Lehrerin beim Sprachunterricht nicht an das an, wofür sich die Kinder interessierten?
Verwandt mit dem Grundsatz, mit dem Kinde nur über Dinge zu sprechen, für die es sich interessiert, ist der weitere, einem Kinde, das Fragen stellt, niemals den Mund zu verbieten, sondern seine Fragen so gut wie möglich zu beantworten. Fräulein Sullivan paßte ihre Ausführungen weder in Inhalt noch in Form dem vermeintlichen niedrigen Stande der Intelligenz des Kindes an, sondern ersuchte jedermann, mit Helen natürlich zu sprechen, ihr ganze Sätze und vernünftige Gedanken mitzuteilen, gleichviel, ob Helen sie verstehe oder nicht. So erkannte Fräulein Sullivan, was so viele noch nicht begreifen wollen, daß nach der ersten allereinfachsten Definition von »Hut«, »Tasse«, »gehen«, »sitzen« die Spracheinheit für das Kind der Satz ist, wie dieser ebenfalls die Spracheinheit der Erwachsenen darstellt.
So schuf sich Fräulein Sullivan eine Methode, die so einfach ist und so sehr alles künstlichen Zuschnittes ermangelt, daß ihre Methode eher die Verneinung jeder Methodik zu sein scheint. Es ist zweifelhaft, ob wir etwas von Helen Keller erfahren hätten, wenn Fräulein Sullivan nicht schon vorher mit anderen Kindern verkehrt hätte. Durch deren Beobachtung lernte sie ihren Zögling soviel wie möglich wie ein normales Kind behandeln.
Das Fingeralphabet war nicht das einzige Mittel, Helen die Kenntnis von Wörtern beizubringen. Bücher ergänzten das Fingeralphabet, ja kamen diesem vielleicht an Bedeutung für den Sprachunterricht gleich. Helen saß voller Eifer über ihnen, bevor sie lesen konnte, anfänglich nicht des Inhaltes wegen, sondern um die Wörter, die sie kannte, herauszufinden, und die Erläuterung neuer Wörter durch den Zusammenhang, durch die Verbindung mit schon bekannten, bereicherten Helens Wortschatz. Die Bücher sind der Speicher der Sprache, und jedes Kind, mag es taub sein oder nicht, muß lernen, wenn seine Aufmerksamkeit in irgend einer Weise auf gedruckte Blätter gelenkt wird. Es lernt nicht dadurch, daß es liest, was es versteht, sondern dadurch, daß es Wörter liest die es nicht versteht, und deren es sich später erinnert. Und obgleich wenig Kinder ein so frühreifes Interesse an Büchern nehmen wie Helen Keller, so kann doch die natürliche Neugierde eines jeden Kindes auf gedruckte Blätter gelenkt werden, namentlich, wenn der Lehrer geschickt ist und ein Wörterspiel einleitet, wie es Fräulein Sullivan tat (s. [S. 287 f.]). Helen Keller soll eine besondere Sprachbegabung besitzen. Richtiger würde man sagen, sie besitze eine besondere Begabung für das Denken, und ihre Vorliebe für die Sprache sei auf den Umstand zurückzuführen, daß die Sprache für sie gleichbedeutend mit Leben ist. Die Sprache war kein besonderes Fach für sie wie Geographie oder Arithmetik, sondern das Mittel, durch das sie zur Kenntnis äußerer Dinge gelangte.
Als sie im Alter von vierzehn Jahren erst wenige Unterrichtsstunden im Deutschen gehabt hatte, überlas sie den Text von »Wilhelm Tell« und versuchte die Handlung des Stückes herauszufinden. Von der Grammatik wußte sie nichts und kümmerte sich auch nicht um sie. Sie lernte die Sprache von der Sprache selbst, und dies ist neben dem Hören der Sprache eine lebendigere und am Ende auch leichtere Art und Weise, eine fremde Sprache zu erlernen, als unsere Schulmethode, mit der Grammatik zu beginnen. Auf dieselbe Weise spielte sie mit dem Latein, indem sie nicht allein aus den Lektionen lernte, die ihr erster lateinischer Lehrer ihr gab, sondern auch daraus, daß sie die Worte eines Textes immer und immer wieder überlas — ein Spiel, das sie für sich selbst trieb.
Herr John D. Wright, einer ihrer Lehrer an der Wright-Humason-Schule, schreibt über Helen:
Oft fand ich sie, wenn sie einen Augenblick freie Zeit hatte, in ihrer Lieblingsecke auf einem Armstuhle sitzen, auf dessen Seitenlehnen das schwere in Blindendruck hergestellte Buch ruhte, während sie ihren Finger langsam über die Zeilen von Molières Lustspiel »Le Médecin malgré lui« gleiten ließ und bei den komischen Situationen und humoristischen Zügen leise vor sich hin lachte. Damals war ihr Wortvorrat im Französischen noch sehr klein, aber unter Zuhilfenahme ihres Verstandes vermochte sie die Bedeutung der Wörter zu erraten, sodaß sie sich den Sinn zusammensetzte wie ein Kind das Zusammenlegespiel betreibt. Die Folge davon war, daß nach Verlauf weniger Wochen wir beide, sie und ich, eines Abends eine höchst heitere Stunde verlebten, in der sie mir die ganze Handlung des Dramas erzählte, wobei sie mit großem Behagen bei dem darin herrschenden Humor und blendenden Witze verweilte. Es war keine Unterrichtsstunde, sondern nur eine ihrer Erholungen. —
So ist Helen Kellers Sprachbegabung identisch mit ihrer gesamten geistigen Begabung, die sich wegen des außerordentlichen Wertes, den die Sprache für das junge Mädchen besitzt, auf diese geworfen hat.