Man hat die Frage aufgeworfen, ob Helen Kellers Leistungen ihrer natürlichen Befähigung oder der bei ihrem Unterricht benutzten Methode zu verdanken seien. Ohne allen Zweifel würde eine Lehrerin, und wenn sie zehnmal so genial gewesen wäre wie Fräulein Sullivan, ihre Schülerin nicht so weit haben bringen können wie Helen Keller, wenn sie es mit einem unbegabten und geistig minderwertigen Kinde zu tun gehabt hätte. Andererseits würde aber Helen Keller unzweifelhaft, auch wenn sie noch zehnmal soviel Genie besessen hätte, sich nicht zu dem entwickelt haben, was sie ist, wenn sie nicht vom ersten Augenblick an, namentlich zu Anfang eine so vortreffliche Erziehung genossen hätte.
Fräulein Sullivan ist eine Persönlichkeit von ungewöhnlichen Fähigkeiten. Ihre Methode wird, von einem anderen Lehrer ausgeübt, nicht dieselben Erfolge zeitigen. Fräulein Sullivans starker selbständiger Geist hat viel von seiner Spannkraft auf ihre Schülerin übertragen. Dies heißt aber nicht, daß Fräulein Keller sich in vollständiger Abhängigkeit von ihrer Lehrerin befindet. Es wird erzählt, daß sie im Alter von acht Jahren einmal, als jemand sie zu etwas zu bewegen suchte, eine Weile ernst dasaß und dann auf die Frage, was ihr fehle, antwortete: I am preparing to assert my independence. Eine solche eigenwillige Persönlichkeit kann nicht in völliger Abhängigkeit aufwachsen, selbst nicht unter dem Einfluß eines Willens, der so stark ist wie der Fräulein Sullivans. Aber letztere hat vermöge ihrer natürlichen Veranlagung vieles für ihren Zögling getan, was sich nicht analysieren oder auf ein Prinzip zurückführen läßt: sie hat ihr die Anregungen zu teil werden lassen, die in dem Wesen der wahren Freundschaft begründet sind, die die Kräfte beider Teile weit mehr zur Entfaltung bringt als sie hemmt. Wenn Fräulein Keller außerdem ein »Engel an Sanftmut und Güte« ist, wenn sie eine starke Liebe »zu allem Guten und Schönen« hegt, so verdankt sie sicher etwas davon der Lehrerin, die volle sechzehn Jahre hindurch beständig um sie gewesen ist.
Fräulein Sullivan hat demnach vieles für Fräulein Keller getan, was keine andere Lehrerin in genau derselben Weise für eine andere Schülerin hätte tun können. Um eine zweite Helen Keller heranzubilden, müßte man eine zweite Annie Sullivan haben. Um ein anderes taubstummes und blindes Kind sorgfältig zu erziehen, dazu braucht man nur einen anderen Lehrer, der unter günstigen Verhältnissen tätig ist, eine Fülle von äußeren Interessen besitzt, stets mit seinem Zögling zusammenlebt, völlig freie Hand hat und die Prinzipien, die zu finden Fräulein Sullivan ihm die Mühe erspart hat, nach seinen Bedürfnissen anwendet, indem er sie modifiziert und ergänzt, je nachdem er es für nötig erachtet; ebenso muß der Zögling gesund, von guten natürlichen Anlagen und jung genug sein, um noch Bildungsfähigkeit zu besitzen. Jedes taubstumme oder taubstumme und blinde Kind kann, wofern es gesund ist, unterrichtet werden. Und die einzigen, die dies zu tun vermögen, sind die Eltern, oder ein Hauslehrer, nicht die Schule. Dieser Satz wird von den Leitern von Taubstummenanstalten sicher auf das heftigste bekämpft werden. Unzweifelhaft ist die Taubstummenanstalt die einzige Möglichkeit für den staatlichen Unterricht. Aber es ist klar, daß das, worin das taubstumme Kind unterwiesen werden soll, gerade das ist, was andere Kinder lernen, bevor sie überhaupt in die Schule gehen. Als Fräulein Sullivan in den Geflügelhof trat, ein junges Hühnchen aufhob und mit Helen darüber sprach (s. [S. 236]), so erteilte sie eine Art von Unterricht, der innerhalb der vier Wände unmöglich ist.
Augenscheinlich befindet sich Dr. Howe im Irrtum, wenn er sagt: Ein Lehrer kann kein Kind sein. Gerade dies ist es, was der Lehrer eines taubstummen Kindes sein muß, selbst ein Kind, bereit, zu spielen und herumzutollen und an allem kindlichen Tun Interesse zu finden.
Wesentlich für Helen Kellers Entwickelung war der Umstand, daß sie während der ersten neunzehn Monate ihres Lebens sehen und hören konnte. Dies bedeutete eine gewisse geistige Entwickelung. Außerdem besaß sie von ihren Eltern her gute körperliche und geistige Anlagen. Sie drückte ihre Gedanken durch Zeichen aus, ehe sie sprechen lernte. Frau Keller äußerte in einem Briefe, daß Helen vor ihrer Krankheit für all und jedes Zeichen gebrauchte, und glaubte, diese Angewohnheit sei schuld daran, daß das Kind so spät sprechen gelernt habe. Nach der Krankheit, als sie vollständig auf Zeichen angewiesen war, entwickelte sich Helens Neigung zur Gestikulation. Wie weit sich andere ihr verständlich machen konnten, läßt sich schwer feststellen, aber sie erkannte viel von dem, was um sie herum vorging. Sie wußte, daß andere ihre Lippen bewegten, sie »sah« ihren Vater eine Zeitung lesen, und als dieser sie beiseite gelegt hatte, setzte sie sich auf seinen Stuhl und hielt die Zeitung vor ihr Gesicht (s. [S. 14]). Ihre anfänglichen Wutausbrüche waren ein unglücklicher Ausdruck ihrer angeborenen Charakterstärke, die durch die Erziehung später in geschulte und geregelte Kraft umgewandelt wurde.
So war es denn eine dankbare Aufgabe für Fräulein Sullivan, einer solchen Schülerin ihre Hingebung, ihre Intelligenz und ihre vor keiner Schwierigkeit zurückschreckende Willfährigkeit zu widmen. Fräulein Sullivans Methode war so vorzüglich, daß jedermann deren Richtigkeit anerkennen müßte, selbst wenn sie keinen Erfolg gehabt hätte. Zudem besaß Fräulein Sullivan eine große Energie. Und schließlich begünstigten alle Umstände diesen ersten Unterricht, bei dem Lehrerin und Schülerin in untrennbarer Gemeinschaft miteinander spielten, sich gegenseitig ergründeten und gegenseitig erzogen.
[23] Vergl. „The life and Education of Laura Dewey Bridgman“ von Mary Swift Lamson. — Jerusalem, Laura Bridgman. Eine psychologische Studie.
[24] Vergl. auch [S. 62 ff.]