Die Scheunen, in denen das Getreide aufbewahrt wurde, der Stall, in dem die Pferde standen, und der Hof, in dem die Kühe des Morgens und des Abends gemolken wurden, übten eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Martha und mich aus. Die Melkmägde ließen mich die Kühe befühlen, während sie gemolken wurden, und ich wurde dabei für meine Neugierde oft tüchtig von den Tieren mit dem Schweife geschlagen.
Die Vorbereitungen für das Weihnachtsfest gewährten mir stets großes Vergnügen. Natürlich wußte ich nicht, was rings um mich her vorging, aber ich freute mich über den Wohlgeruch, der das Haus erfüllte, und die Leckerbissen, die Martha Washington und ich bekamen, nur damit wir uns still verhalten sollten. Dies letztere war uns zwar nicht ganz recht, aber wir ließen uns dadurch in unserem Vergnügen nicht im mindesten stören. Wir durften Gewürz mahlen, Rosinen aussuchen und die Rührlöffel ablecken. Ich hängte meinen Strumpf auf,[2] weil die anderen es taten, konnte mich aber nicht entsinnen, daß mich die Zeremonie sonderlich interessierte; auch weckte mich die Neugierde, was ich wohl geschenkt erhalten würde, nicht vor Tagesanbruch auf.
Martha Washington zeigte eine ebenso große Neigung zum Unfugstiften wie ich. An einem heißen Julinachmittag saßen zwei kleine Mädchen auf den Verandastufen. Das eine war schwarz wie Ebenholz und hatte das struppige Haar in kleine mit Schnürsenkeln umwickelte Löckchen abgeteilt, die wie Korkzieher um ihren ganzen Kopf herumstanden. Das andere Mädchen war weiß und hatte lange goldene Locken. Das eine Kind war sechs Jahre alt, das andere zwei bis drei Jahre älter. Das jüngere war blind — ich war es —, das ältere war Martha Washington. Wir waren mit dem Ausschneiden von Papierpuppen beschäftigt, wurden aber dieses Spieles bald überdrüssig, und nachdem ich meine Schuhbänder sowie alle Blätter des Geißblattstrauches, die ich erreichen konnte, abgeschnitten hatte, richtete ich meine Aufmerksamkeit auf Marthas Korkzieher. Sie sträubte sich zwar anfangs, gab aber schließlich nach. Dann ergriff sie, wahrscheinlich in der Meinung, es sei ganz in der Ordnung, wenn sie gleiches mit gleichem vergelte, die Schere und schnitt mir eine meiner Locken ab; sie würde mir alle abgeschnitten haben, wenn meine Mutter nicht zur rechten Zeit dazugekommen wäre.
Belle, unser Hund, mein zweiter Spielgefährte, war alt und faul und zog es vor, lieber am offenen Feuer zu schlafen als mit mir umherzutollen. Ich gab mir alle erdenkliche Mühe, ihr meine Zeichensprache beizubringen, aber sie war stumpfsinnig und unaufmerksam. Sie stand bisweilen still, zitterte vor Aufregung und wurde dann ganz starr, wie es Hunde tun, wenn sie vor einem Vogel stehen. Ich wußte damals nicht, was dies bedeuten sollte, merkte aber, daß Belle das nicht tat, was ich haben wollte. Das ärgerte mich, und die Lektion endete regelmäßig damit, daß ich ihr einige Rippenstöße versetzte. Belle stand auf, dehnte sich faul, schnaufte ein paarmal verdrießlich, ging auf die andere Seite des Kamins und legte sich wieder hin, während ich mich müde und enttäuscht auf die Suche nach Martha machte.
Viele Ereignisse aus diesen ersten Jahren haften in meinem Gedächtnis, vereinzelt, aber klar und bestimmt, und lassen die Stille, die Zwecklosigkeit, die Lichtlosigkeit meines Daseins nur um so greller hervortreten.
Eines Tages hatte ich mir meine Schürze naß gemacht, und ich breitete sie zum Trocknen vor dem Feuer aus, das in dem Kamine des Wohnzimmers flackerte. Die Schürze trocknete nach meiner Ansicht nicht rasch genug, ich trat daher näher und breitete sie direkt über der heißen Asche aus. Das Feuer züngelte empor und erfaßte meine Kleider, sodaß ich im Nu in hellen Flammen stand. Ich erhob ein schreckliches Angstgeschrei, das meine alte Wärterin Viney zur Rettung herbeirief. Sie warf ein Tuch über mich, daß ich fast erstickte, löschte aber damit das Feuer. Außer an Händen und Haar hatte ich keinen ernstlichen Brandschaden davongetragen.
Um diese Zeit entdeckte ich, wozu man einen Schlüssel gebrauchen könnte. Eines Morgens schloß ich meine Mutter in der Speisekammer ein, in der sie drei volle Stunden bleiben mußte, da die Dienstboten in einem abseits gelegenen Teil des Hauses beschäftigt waren. Sie pochte fortwährend an die Tür, während ich draußen auf der Vortreppe saß und wie ein Kobold lachte, als ich das Geräusch des Pochens fühlte. Dieser unartige Streich überzeugte meine Eltern von der Notwendigkeit, mir sobald wie möglich Unterricht geben zu lassen. Kurz nachdem meine Lehrerin, Fräulein Sullivan, zu mir gekommen war, suchte ich eine Gelegenheit, sie in ihrem Zimmer einzuschließen. Ich ging die Treppe hinauf, um Fräulein Sullivan auf Geheiß meiner Mutter etwas zu bringen; kaum aber hatte ich meinen Auftrag ausgerichtet, als ich wie ein Blitz wieder zur Tür hinaus war, sie zuschloß und den Schlüssel unter dem Kleiderschrank im Korridor versteckte. Ich konnte nicht dahin gebracht werden, anzugeben, wo der Schlüssel war. Mein Vater mußte eine Leiter holen und Fräulein Sullivan zum Fenster heraustragen — zu meinem großen Gaudium. Erst nach Monaten brachte ich den Schlüssel zum Vorschein.
Als ich ungefähr fünf Jahre alt war, verzogen wir aus dem kleinen, weinumrankten Hause nach einem größeren neuen. Die Familie bestand aus meinem Vater, meiner Mutter, zwei älteren Stiefbrüdern und mir; später kam dann noch eine kleine Schwester, Mildred, hinzu. Meine früheste bestimmte Erinnerung an meinen Vater ist die, wie ich eines Tages über große Stöße von Zeitungen hinweg zu ihm klettere und ihn allein finde, während er ein Blatt Papier vor sein Gesicht hält. Ich brannte vor Neugierde, was er da wohl täte. Ich machte ihm alles nach und setzte sogar seine Brille auf, in der Hoffnung, sie werde mir helfen, das Geheimnis herauszubringen. Aber ich fand lange Jahre hindurch nicht des Rätsels Lösung. Dann erfuhr ich, was jene Papiere bedeuteten und daß mein Vater Herausgeber einer Zeitung war.
Mein Vater war äußerst liebevoll und nachsichtig, dabei ebenso häuslich, da er uns selten allein ließ, außer zur Jagdzeit. Er war ein großer Jäger vor dem Herrn, wie mir erzählt wurde, und ein berühmter Schütze. Nächst seiner Familie liebte er seine Hunde und sein Gewehr. Seine Gastfreiheit war groß und artete beinahe zu einem Fehler aus, denn er kam selten nach Hause, ohne einen Gast mitzubringen. Besonders aber war er auf seinen großen Garten stolz, in dem er, wie es hieß, die schönsten Wassermelonen und Erdbeeren der ganzen Umgegend zog, und mir brachte er stets die ersten reifen Weintrauben und köstlichsten Beeren. Ich erinnere mich noch an seine liebkosende Berührung, als er mich von Baum zu Baum, von Weinstock zu Weinstock leitete, und seiner Freude an allem, was mir Vergnügen machte.