[1] How do you do = wie geht es Ihnen?
Zweites Kapitel.
Die ersten Monate nach der Krankheit. — Verständigungsversuche durch Gebärdensprache. — Betätigung im Haushalt. — Teilnahme an der Geselligkeit des Hauses. — Erkenntnis der Unterscheidung von anderen. — Heftigkeit. — Eigenwilligkeit und Herrschsucht. — Früheste Erinnerungen. — Umzug. — Familienleben. — Tod des Vaters im Jahre 1896. — Eifersucht.
Ich kann mich nicht entsinnen, was sich während der ersten Monate nach meiner Krankheit mit mir zutrug. Ich weiß nur, daß ich auf dem Schoße meiner Mutter saß oder mich an ihr Kleid anklammerte, wenn sie umherging und den Haushalt besorgte. Meine Hände befühlten alles und verfolgten jede Bewegung, sodaß ich auf diese Weise mancherlei kennen lernte. Bald fühlte ich das Bedürfnis, mich mit meiner Umgebung zu verständigen, und begann, einfache Zeichen zu machen. Ein Kopfschütteln bedeutete »nein«, ein Nicken »ja«, ein Heranziehen »komm« und ein Fortstoßen »geh«. Wollte ich Brot haben, so ahmte ich die Bewegungen des Schneidens und Butterstreichens nach. Wünschte ich, daß meine Mutter zu Mittag Eiscreme zubereite, so machte ich eine Bewegung, die dem Drehen der Eismaschine entsprach, und schauerte zusammen, als ob ich fröre. Auch meiner Mutter gelang es großenteils, sich mir verständlich zu machen. Ich wußte stets, wann ich ihr etwas bringen sollte, und lief dann die Treppe hinauf oder an einen anderen Ort, den sie mir bezeichnet hatte. In der Tat verdanke ich ihrer liebevollen Klugheit alles, was meine lange Nacht erhellte und erheiterte.
Ich begriff einen großen Teil von dem, was um mich herum vorging. Mit fünf Jahren lernte ich die reine Wäsche, wenn sie aus dem Waschhaus kam, zusammenlegen und wegräumen, und unterschied die meinige von der übrigen. Ich erkannte aus der Art und Weise, wie meine Mutter und meine Tante gekleidet waren, wann sie ausgehen wollten, und bettelte regelmäßig, mitgehen zu dürfen.
Ich wurde stets geholt, wenn Besuch da war, und wenn die Gäste Abschied nahmen, winkte ich ihnen mit der Hand zu, wie ich glaube, mit einer unbestimmten Erinnerung an die Bedeutung dieser Bewegung. Eines Tages sprachen einige Herren bei meiner Mutter vor, und ich fühlte das Schließen der Haustür und andere Geräusche, die ihre Ankunft ankündigten. In plötzlichem Entschlusse lief ich die Treppe hinauf, ehe mich jemand zurückhalten konnte, um mich nach meinen Begriffen für die Gesellschaft herauszuputzen. Ich stellte mich vor den Spiegel, wie ich es bei anderen wahrgenommen hatte, feuchtete mein Haar mit Oel an und bedeckte mein Gesicht dick mit Puder. Dann legte ich einen Schleier auf meinen Kopf, der mein Gesicht bedeckte und mir in Falten bis auf die Schultern fiel, und band eine riesige Schleife um meine schmale Taille, sodaß sie hinter mir herflatterte und mir beinahe bis zum Saume meines Kleides reichte. In diesem Aufzug erschien ich, um zur Unterhaltung der Gesellschaft beizutragen.
Ich entsinne mich nicht genau, wann ich zuerst erkannte, daß ich mich von anderen unterschied; ich weiß jedoch, daß es vor der Ankunft meiner Lehrerin der Fall war. Ich hatte bemerkt, daß meine Mutter und meine Bekannten keine Zeichen machten wie ich es tat, wenn sie etwas getan haben wollten, sondern mittelst ihres Mundes sprachen. Bisweilen stand ich zwischen zwei Personen, die sich miteinander unterhielten, und berührte ihre Lippen. Ich konnte dies nicht begreifen und war ganz verwirrt. Ich bewegte meine Lippen und gestikulierte heftig — natürlich ohne Erfolg. Dies machte mich zuweilen so wütend, daß ich mit den Füßen stampfte und schrie, bis ich erschöpft war.
Ich glaube, ich wußte, wann ich unartig war, denn ich wußte, daß es Ella, meiner Wärterin weh tat, wenn ich mit den Füßen nach ihr stieß, und wenn meine Heftigkeit vorüber war, empfand ich etwas wie Reue. Aber ich kann mich keines Falles erinnern, in dem dieses Gefühl mich vor der Wiederholung meiner Ungezogenheit bewahrt hätte, wenn ich nicht gleich bekam, was ich wünschte.
Zu jener Zeit waren ein kleines farbiges Mädchen, Martha Washington, die Tochter unserer Köchin, und ein alter Jagdhund meine beständigen Gefährten. Martha Washington verstand meine Zeichen, und ich hatte selten Schwierigkeiten, ihr begreiflich zu machen, was ich wünschte. Es machte mir Vergnügen, sie zu beherrschen, und sie unterwarf sich in der Regel meiner Tyrannei lieber, als daß sie es auf einen Faustkampf hätte ankommen lassen. Ich war stark, energisch und um die Folgen meiner Handlungsweise unbekümmert. Ich kannte meine Sinnesart am besten und folgte stets nur meinem eigenen Kopfe, selbst wenn ich einen Kampf auf Tod und Leben darum bestehen mußte. Einen großen Teil unserer Zeit brachten wir in der Küche zu, wo wir Klöße kneteten, Eiscreme machen halfen, Kaffee mahlten, uns um die Cakesdose zankten und die Hühner und Puten fütterten, die sich an der Küchentreppe in großer Menge einfanden. Viele von diesen waren so zahm, daß sie mir aus der Hand fraßen und sich von mir streicheln ließen. Ein riesiger Truthahn schnappte mir eines Tages eine Tomate aus der Hand und rannte mit ihr davon. Vielleicht ermutigt durch den Erfolg des Meister Truthahns, rissen wir einen Kuchen, den die Köchin soeben kandiert hatte, vom Herde herunter und aßen ihn mit Stumpf und Stiel auf. Ich war hinterher ganz krank, und ich möchte nur wissen, ob es dem Puter ebenso ergangen ist.
Das Perlhuhn pflegt sein Nest an abgelegenen Stellen zu bauen, und es machte mir großes Vergnügen, in dem hohen Grase nach den Eiern zu suchen. Ich konnte es Martha Washington nicht sagen, wann ich auf die Eierjagd gehen wollte, aber ich legte meine Hände zusammen und drückte sie auf die Erde; dies sollte etwas Rundes im Grase bedeuten, und Martha verstand mich stets. Wenn wir das Glück hatten, ein Nest zu finden, so gestattete ich ihr nie, die Eier nach Hause zu tragen, indem ich ihr durch eifriges Gestikulieren klarzumachen suchte, sie könne fallen und die Eier zerschlagen.