Bis zum Ausbruch meiner Krankheit, die mich für immer des Gesichts und Gehörs berauben sollte, lebte ich in einem kleinen Hause, das aus einem großen viereckigen Zimmer und einem kleineren bestand, in dem das Dienstmädchen schlief. Im Süden herrscht die Gewohnheit, in der Nähe des Wohnhauses ein kleineres Gebäude zu errichten, das dann bei Gelegenheit benützt wird. Ein solches Häuschen erbaute auch mein Vater nach dem Bürgerkriege und bezog es, nachdem er sich mit meiner Mutter verheiratet hatte. Es war über und über mit Wein, Kletterrosen und Geißblatt bedeckt. Vom Garten aus machte es ganz den Eindruck einer Laube. Der kleine Eingang lag hinter einer Hecke von gelben Rosen und Stechwinde verborgen, die beständig von Hummeln und Bienen umsummt wurde.

Ivy Green

Das Familienwohnhaus lag wenige Schritte von unserer kleinen Rosenlaube entfernt. Es wurde »Ivy Green« genannt, weil das Haus und Bäume und Zäune, welche es umgaben, von dem schönsten Efeu umrankt waren. Der dazugehörige altmodische Garten war das Paradies meiner Kindheit.

Schon vor der Ankunft meiner Lehrerin pflegte ich mich an den steifen viereckigen Buchsbaumhecken entlang zu tasten und fand, durch den Geruch geleitet, die ersten Veilchen und Lilien. Hierher flüchtete ich mich auch nach einem heftigen Ausbruch meines Temperaments und verbarg mein heißes Gesicht in den kühlen Blättern und Gräsern. Was für eine Freude war es, mich in diesem blumenübersäten Garten zu verlieren, selig von einem Fleck zum anderen zu wandern, bis ich endlich auf einen herrlichen Weinstock stieß, ihn an seinen Blättern und Blüten erkannte und wußte, es sei der Weinstock, der das verfallene Sommerhaus am anderen Ende des Gartens umrahmte! Dort wuchsen auch die kletternde Clematis, der niederhängende Jasmin und einige seltene, stark duftende Blumen, Schmetterlingslilien genannt, weil ihre zarten Blütenblätter Schmetterlingsflügeln gleichen. Aber die Rosen waren doch meine bevorzugten Lieblinge. Niemals habe ich in den Treibhäusern des Nordens solche wunderherrlichen Rosen angetroffen wie die Kletterrosen meines väterlichen Gartens, im Süden. Sie hingen in langen Gewinden um das Portal des kleinen Häuschens und erfüllten die ganze Luft mit ihrem Wohlgeruch, der nichts Irdisches an sich hatte, und in der Morgenfrühe fühlten sie sich, vom Tau gebadet, so frisch, so rein an, daß ich mich oft staunend fragte, ob sie nicht den Asphodelosblüten im Garten Gottes glichen.

Der Beginn meines Lebens war einfach und genau so wie der jedes anderen kleinen Lebens. Ich kam, sah, siegte, wie es das erste Kind einer Familie stets tut. Wie gewöhnlich kam es bei Gelegenheit der Wahl eines Namens für mich zu einer lebhaften Erörterung. Es war nicht leicht, für das erste Kind in der Familie einen passenden Namen zu finden, da jedermann seine Lieblingswünsche in dieser Beziehung hatte und mit Eifer vertrat. Mein Vater schlug den Namen Mildred Campbell vor, wie eine Ahne von ihm geheißen hatte, die er sehr verehrte, und lehnte es ab, weiter an der Diskussion teilzunehmen. Meine Mutter gab den Ausschlag, indem sie es als ihren Wunsch bezeichnete, ich möchte nach ihrer Mutter, deren Mädchenname Helen Everett war, genannt werden. Aber in seiner Aufregung vergaß mein Vater während der Fahrt nach der Kirche diesen Namen, was auch ganz erklärlich war, da er es ausdrücklich abgelehnt hatte, für ihn die Verantwortung zu tragen. Als der Geistliche ihn danach fragte, erinnerte er sich nur noch, daß man übereingekommen war, mich nach meiner Großmutter zu nennen, und gab ihren Namen als Helen Adams an.

Schon als ich noch im langen Kleidchen auf dem Arme getragen wurde, soll ich häufig einen heftigen, eigenwilligen Charakter gezeigt haben. Alles, was ich andere tun sah, wollte auch ich durchaus tun. Im Alter von sechs Monaten konnte ich How d’ ye[1] piepsen, und eines Tages zog ich die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich, als ich ganz deutlich Tea, tea, tea! sagte. Selbst nach meiner Krankheit erinnerte ich mich noch an eins der Worte, das ich in jenen ersten sechs Monaten gelernt hatte. Es war das Wort water, und ich fuhr fort, einen Laut für dieses Wort hervorzubringen, selbst nachdem ich die ganze übrige Sprache verloren hatte. Ich hörte erst auf, den Laut wah-wah auszustoßen, als ich das Wort zu buchstabieren gelernt hatte.

Im Alter von einem Jahre konnte ich gehen. Meine Mutter hatte mich gerade aus der Badewanne gehoben und hielt mich auf ihrem Schoße, als ich plötzlich durch die hin- und herhuschenden Schatten, die das Laub der Bäume auf die von der Sonne beschienene glatte Diele warf, gefesselt wurde. Ich schlüpfte von dem Schoße meiner Mutter herab und lief auf diese Schatten zu. Als der erste Antrieb vorüber war, fiel ich hin und schrie nach meiner Mutter, damit sie mich wieder auf den Arm nehme.

Diese glücklichen Tage dauerten nicht lange. Ein kurzer Frühling voll jubelnden Vogelgesanges, ein Sommer, reich an Früchten und Rosen, ein in roten und goldenen Farben glühender Herbst kamen und gingen und legten ihre Gaben dem munteren, entzückten Kinde zu Füßen. Dann, in dem darauffolgenden traurigen Februar, kam die Krankheit, die mir Auge und Ohr schloß und mich in die Unbewußtheit eines neugeborenen Kindes zurückversetzte. Es war eine akute Unterleibs- und Gehirnentzündung. Der Arzt hatte mich schon aufgegeben. Eines Morgens verließ mich jedoch das Fieber auf ebenso plötzliche und geheimnisvolle Weise, wie es ausgebrochen war. Es herrschte an jenem Morgen große Freude in der Familie, allein niemand, selbst der Arzt nicht, hatte eine Ahnung davon, daß ich niemals wieder sehen oder hören sollte.

Ich glaube, ich habe noch verworrene Erinnerungen an diese Krankheit. Namentlich entsinne ich mich der Zärtlichkeit, mit der mich meine Mutter in meinen wachen, qualvollen Stunden überhäufte, und der entsetzlichen Angst, mit der ich nach einem unruhigen Halbschlummer erwachte und meine, ach so heißen und trockenen Augen nach der Wand kehrte, hinweg von dem einst so geliebten Tageslicht, das von Tag zu Tage trüber und matter zu mir drang. Aber abgesehen von diesen verschwommenen Erinnerungen, wenn sie überhaupt noch Erinnerungen genannt werden können, erscheint mir alles völlig traumhaft wie ein Alp. Nach und nach gewöhnte ich mich an die mich umgebende Stille und Dunkelheit und vergaß, daß ich jemals ein anderes Los gehabt hatte, bis sie kam — meine Lehrerin —, die meinen Geist befreite. Aber während der ersten neunzehn Monate meines Lebens hatte ich einen Schimmer von breiten, grünen Feldern, einem strahlenden Himmel, Bäumen und Blumen erhascht, den die nachfolgende Dunkelheit nicht ganz verlöschen konnte. Haben wir einmal gesehen, so „ist der Tag unser, und was der Tag gezeigt hat“.