Wenn sie unbeschäftigt war, so irrte sie ruhelos durch das ganze Haus und stieß dabei sonderbare, obgleich selten unangenehme Töne aus. Ich habe sie ihre Puppe wiegen sehen, wobei sie ein beständiges monotones Summen hervorbrachte, während sie mit den Fingern der anderen Hand die Bewegungen ihrer Lippen verfolgte. Dies war eine Nachahmung des Wiegengesanges ihrer Mutter. Gelegentlich brach sie in ein lustiges Gelächter aus, und dann streckte sie ihre Hand aus, und legte sie irgend jemand, der sich in ihrer Nähe befand, auf den Mund, um sich zu vergewissern, ob er ebenfalls lache. Konnte sie kein Lächeln entdecken, so gestikulierte sie erregt und versuchte ihre Gedanken zum Ausdruck zu bringen; wenn es ihr aber nicht gelang, den anderen zum Lachen zu bringen, so saß sie ein paar Augenblicke mit verwirrtem und enttäuschtem Gesichtsausdruck still da. Die einzigen Wörter, die sie vor dem März 1890 mit einiger Deutlichkeit auszusprechen gelernt hatte, waren papa, mamma, baby, sister. Diese Wörter hatte sie ohne besondere Unterweisung ihren Bekannten von den Lippen abgelesen. Man sieht, sie enthalten drei vokalische und sechs konsonantische Elemente, und diese bildeten die Grundlage für ihren ersten wirklichen Unterricht im Sprechen.
Zu Ende der ersten Lektion war sie imstande, folgende Laute deutlich auszusprechen[28]: a, ä, â, ē, ĭ, ô, c (weich wie s und hart wie k), g (hart), b, l, n, m, t, p, s, u, k, f und d. Die Aussprache mehrerer miteinander verbundener harter Konsonanten in demselben Wort fällt ihr jetzt noch schwer; oft unterdrückt sie den einen und verändert den anderen, und manchmal ersetzt sie beide durch einen ähnlichen Laut mit einer sanften Aspiration. Anfangs machte sich die Verwechselung von l und r bei ihrem Sprechen recht bemerkbar. Wiederholt wollte sie den einen Laut für den anderen gebrauchen. Die große Schwierigkeit in der Aussprache des r machte diesen Laut zu einem der letzten, die sie bemeisterte. Auch das ch, sh und g verursachten ihr viele Mühe, und sie spricht sie jetzt noch nicht deutlich aus.
Als sie noch nicht eine volle Woche gesprochen hatte, traf sie eines Tages einen ihrer Bekannten, Herrn Rodocanachi; sie begann sofort sich mit der Aussprache seines Namens abzumühen, und ließ nicht eher nach, als bis sie imstande war, das Wort deutlich zu artikulieren. Ihr Interesse erlahmte keinen Augenblick, und in ihrem Eifer, die Schwierigkeiten zu überwinden, die sich ihr von allen Seiten in den Weg stellten, strengte sie ihre Kräfte bis zum äußersten an und erlernte in elf Lektionen sämtliche einzelnen Elemente der Sprache.“ —
Gegenwärtig ist ihre Stimme leise und angenehm. Ihre Sprache entbehrt jedoch der Mannigfaltigkeit und Modulation; sie fließt in einem singenden Tonfalle fort, wenn sie laut liest, und wenn sie einigermaßen laut spricht, so bewegt sich ihre Stimme um zwei bis drei Mitteltöne herum. Ihre Stimme besitzt einen ausgesprochen aspirierten Klang; sie hört sich an, als würde auf den Laut zuviel Atem verwendet. Einige von ihren Tönen sind musikalisch und wohlklingend. Erzählt sie eine Kindergeschichte oder trägt sie etwas Pathetisches vor, so gleitet ihre Stimme in angenehmen Uebergängen von einem Tone zum anderen. Ihre Vortragsweise erinnert dann an das nicht völlig gut getroffene Verweilen bei langen Wörtern, das man bei einem Kinde wahrnimmt, welches eine feierliche Geschichte erzählt.
Der Hauptmangel an Helens Sprache besteht in dem Fehlen der Satzbetonung und der Mannigfaltigkeit der Modulation bei dem Aussprechen der einzelnen Satzglieder. Fräulein Keller betont jedes Wort wie ein Ausländer, der noch mit den einzelnen Satzbestandteilen zu kämpfen hat, oder wie Kinder zuweilen in der Schule lesen, wenn sie jedes Wort für sich aussprechen.
Außer dem Englischen spricht sie Französisch und Deutsch. Ihr Freund, Herr John Hitz, dessen Muttersprache das Deutsche ist, bezeichnet ihre Aussprache als ganz vorzüglich. Ein anderer Freund, der sowohl mit dem Englischen wie mit dem Französischen vertraut ist, findet ihr Französisch viel verständlicher als ihr Englisch. Wenn sie englisch spricht, so verteilt sie die Betonung wie im Französischen und legt nicht genügend Nachdruck auf die accentuierten Silben; auch ist ihre Aussprache desselben Wortes von einem Tage zum anderen verschieden.
Sie begeht mitunter Fehler in der Aussprache, wenn sie laut liest und dabei auf ein Wort stößt, das sie noch nie zuvor ausgesprochen hat, mag sie es auch schon verschiedene Male geschrieben haben. Diese Schwierigkeit wird sich jedoch nebst einigen anderen beseitigen lassen, sobald sie und Fräulein Sullivan mehr Zeit haben. Seit 1894 haben sie sich so in ihre Bücher vergraben, daß sie alles vernachlässigten, was nicht unmittelbar mit der nächstliegenden Aufgabe der erfolgreichen Absolvierung ihrer Studien zusammenhing.
Als Helen die Wright-Humason-Schule in New York besuchte, bemühte sich Dr. Humason, ihre Stimme zu verbessern, und zwar nicht nur die Aussprache, und stellte mit ihr Laut- und Stimmübungen an.
Es läßt sich schwer sagen, ob Fräulein Kellers Sprache leicht zu verstehen ist oder nicht. Manche verstehen sie leicht, andere nicht. Ihre näheren Bekannten sind an ihre Sprache gewöhnt und vergessen, daß diese von der normalen abweicht. Kinder finden es selten schwer, sie zu verstehen; dies erklärt sich daraus, daß Helens bedachtsame, wohlabgemessene Sprache der ihrigen gleicht, bevor sie sich den Kunstgriff der Erwachsenen angeeignet haben, alle Wörter eines Satzes in einem Atemzug zu sprechen. Fräulein Keller soll besser sprechen als die meisten Tauben.
Im Ablesen von den Lippen ist sie nicht so gewandt und geschickt, wie von manchen behauptet wird. Es ist für sie höchst mühsam und umständlich, sich auf diesem Wege Kenntnis von dem zu verschaffen, was man ihr mitteilen will, wenn nicht Fräulein Sullivan oder jemand anders, der sich auf das Fingeralphabet versteht, zugegen ist, um Fräulein Keller die gesprochenen Worte in die Hand zu buchstabieren.